Spazieren, Yoga und Hullern … (Pandemie-Beobachtungen, Teil 3)

Was mache ich im Lockdown, was ich zuvor selten bzw. nie gemacht habe? Welche wunderlichen und bunten Blüten lässt die Pandemie im Menschen gedeihen? Eine davon ist die Renaissance des Hula-Hoop-Reifens, eine andere der tägliche Spaziergang. Ich bewundere die Damen, wenn sie auf Facebook und Instagram „hullern“, denn mir würden mit dem Reifen um den stattlichen Bauch keine zwei Umdrehungen gelingen. Ich bin eher der Typ für den gemächlichen Fortgang auf zwei Beinen.

Die Sozialen Medien legen ein beredtes Zeugnis davon ab, was uns Menschen so umtreibt. Das gilt besonders in diesen Zeiten, wenn Virus, Gesundheitsexperten und Politik uns davon abhalten, bisher Gewohntes zu tun – und wir zudem nur virtuelle Gelegenheiten zur Kommunikation nutzen dürfen. Der „Status“ auf WhatsApp, Instagram und Facebook fungiert dabei als glitzernder & blinkender (das tut er wirklich) Schweinwerfer, unter dem die Menschen zeigen, was sie gerade tun.

Ich mag das, denn so fühle ich mich vielen Menschen verbunden und manche erstaunen mich mit ihren Hobbies/Fähigkeiten (habe ich das „Hullern“ schon erwähnt?), abgesehen davon, dass ich ein neugieriger Mensch bin.

Lockdown und Soziale Medien. Neben „Hullern“ und den vielen Frage-Spielchen (gerade treibt mir die „In welchen Ländern war ich bereits“-Liste den Neid in den Mandelkern des limbischen Systems im Zentrum meines Hirns) habe ich eine sehr individuelle und gefühlte

Top 5 der gerne gezeigten & kommentierten Beschäftigungen aktiver Menschen in Pandemie-Zeiten:

Platz 1: Kochen & Trinken

Gibt es eigentlich chefkoch.de noch? Die Kult-Plattform aus den Anfängen des Internets, die als einzige in Sachen Klickzahlen den diversen „Schmuddelseiten“ Paroli bieten konnte, scheint überflüssig geworden zu sein. Während sich Instagram und WhatsApp (im Status) auf farbenfrohe Bilder kulinarischer Kompositionen beschränken, gibt es auf Facebook das passende Rezept dazu. Der freundliche Nachbar, der gesunde Kollege oder die gertenschlanke Bekannte des Bekannten – sie sind allesamt zu digitalen Inspirationen meines eigenen Hantierens mit Zwiebel, Fleisch und Saucenwürfel geworden.

Die Kochbücher habe ich entsorgt und dafür in allerlei Koch-Werkzeug (vom geschliffenen Messer bis zum Weber-Grill) und ein umfassendes Sortiment an Gewürzen, Aceto Balsamico, Olivenöl und Kräutertöpfchen investiert. De teuerste Anschaffung war das modernste Smartphone mit der besten Kamera, denn natürlich müssen meine Gerichte in brillanter Qualität für die Nachwelt und die „Follower“ des freundlichen Nachbarn festgehalten werden.

Ich bin BEREIT für die „Koch-Challenge“ im Internet, werde gesund und regional kochen – und habe bereits einen überzeugenden Speiseplan für die nächsten Wochen erstellt, der mir ohne Zweifel auf Facebook viele „Likes“ und begeisterte Kommentare einbringen wird. Allerdings bleibt eine letzte Hürde: Meine Jungs mögen 99 Prozent der Speisen nicht und ob mir ihre Mutter erlaubt, sie dennoch der Familie zu kredenzen?

Das Gute am Internet-Junkie-Dasein in Lockdown-Zeiten. Es gibt immer Alternativen – und Hobbies mit großer Anhängerschaft. Kaufen Sie sich einfach einen edlen Whisky (Talisker, Laphroaig etc.), Rum oder Gin und stellen die Flasche in ihr Profil – und Sie werden schnell merken, was ich meine….

Platz 2: Joggen & Wandern

Zwei Tätigkeiten, die schon vor Corona ohne Soziale Medien kaum auskamen und im Lockdown die Kanäle fluten. Der digitale Schrittzähler und die GPS-App am Handgelenk beweisen die sportlichen Ambitionen, die dem geneigten „Follower“ mit detailliertem Streckenverlauf, Zeit, Distanz, Kalorienverbrauch, Durchschnittsgeschwindigkeit und Höhenmeter nahegebracht werden. Ich betrachte dies mit Staunen und Bewunderung, habe mir sogar als passionierter Trainer & Sportjournalist für jeden meiner rennenden Social Media-Kontakte ein Excelsheet mit der jeweiligen Leistungsübersicht angelegt – und mache mir ein Bier auf

Platz 3: Yoga

Es soll gut für Körper, Gelenkigkeit und Seele sein. Ich habe es versucht. Es tut weh.

Platz 4: In Erinnerungen schwelgen

Erinnerung an Moped-Zeiten
Erinnerung an Moped-Zeiten

Es gab eine Zeit vor Corona, wie überhaupt es immer eine Zeit „vor“ gab. Ich gebe zu, auch ich gehöre zu den Menschen, die sehr gerne in alten, idealerweise bereits vergilbten Bildern kramen und diese auch gerne zeigen. Einzig irritiert bin ich, wenn der fleißig geteilte Post „Du weißt, dass du ein Kind der 70ger bist“ eine 80ger, 90ger und 2000er Wiedergeburt mit den gleichen Inhalten erlebt. Alle Generationen vereint, dass sie ungleich cooler, härter und lässiger als die gegenwärtige ist.

Platz 5: Puzzle & Malen

Bereits ziemlich im Ranking abgeschlagen erfährt das „Puzzlen“, von dem ich immer noch nicht weiß, wie man es ausspricht (Mit weichem s oder hartem z, mit u oder a?), nur hin und wieder eine Erwähnung und bleibt das Malen denjenigen vorbehalten, die es halbwegs können. Und das sind nicht so viele.

Spazieren kommt in der Top-Liste nicht vor bzw. nur indirekt in Fotografien von Stadt & Natur, die vermuten lassen, dass die- oder derjenige geschlendert ist, geschaut und dann das Motiv entdeckt hat. Ich liebe es, in moderatem Tempo einfach zu gehen, allein, zu zweit oder mit Freunden. Ich verweigere dabei Stöpsel im Ohr, weil ich die Geräusche, die mich umgeben, hören will, und ich brauche keine „Nordic Stöcke“ oder eigene „Power“ um zu „walken“.

Ich spaziere, also bin ich. Dabei schweige ich gerne, was im Gegensatz zu vielen anderen Situationen auch dann nicht unangenehm ist, wenn ich nicht allein bin. Man kann gemeinsam nachdenken, sich dabei viel Zeit lassen – und dem anderen zuhören, wenn sie/er seine Gedanken in Worte gefasst hat. Dazwischen stehen bleiben, den Blick von vier Augen auf ein Detail am Wegesrand oder in den Himmel lenken: es sind wertvolle Augenblicke, wohltuende Pausen im schnellen Alltag.

Ich mag Gruppen, die spazieren, auch weil sie mich an meine Kindheit erinnern. An das regelmäßige Ritual mit meinen Großeltern (wenn die Eltern meine Schwester und mich mitgeschickt hatten, um ihre Ruhe zu haben), das immer Rast machte auf einem Bankerl mitten im Wald, wo andere alte Frauen und Männer sich ebenfalls einfanden. Oder an die Familienspaziergänge mit Bekannten von Kelheim nach Weltenburg, die einer eigenen Choreografie folgten: Vorneweg die Kinder, dann die Frauen und zum Schluss die Männer, nicht selten politisierend.

Während des aktuellen Lockdowns gehen die Leute viel Spazieren. Meine Frau und ich drehen fast täglich abends unsere Runden, begegnen etlichen anderen Paaren und lernen neue Wege und Straßen kennen, in denen wir noch nie waren, obwohl sie in unmittelbarer Nachbarschaft liegen.

Am Wochenende sind wir tagsüber bevorzugt auf Feldern, Wiesen und im Wald unterwegs und genießen auch hier, ohne Mund-Nasen-Schutz bzw. FFP2-Maske tief durchatmen zu können. Wir treffen dabei so viele Leute, die gerne in Gruppen beieinanderstehen und erzählen, peinlich auf den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand bedacht. Es ist von Weitem sichtbar, die Sehnsucht und die Freude an persönlichen Begegnungen. Und dass man sich Zeit dafür nimmt, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.

Wie lange ein Spaziergang dauert? Ich weiß es nicht, denn ich sehe dabei nicht auf die Uhr. Was ich aber weiß: Egal, wie lange, auf den letzten Metern habe ich es eilig, denn plötzlich jagt mich das Piesel-Phänomen.

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