Eine Stellenanzeige

Ich möchte heute über Heiratsanzeigen reden. Zumindest am Anfang, denn eigentlich bin ich einer ausgesprochen absurden Spielerei im Business auf der Spur, welches jeglichen Realitätssinn entbehrt. Kommen wir also zu Heiratsanzeigen, wo die Prinzessin ihren Prinzen oder auch umgekehrt sucht – und beide ganz schnell und ziemlich brutal auf den Boden der Tatsachen geschleudert werden.

Der Aufprall tut weh, ebenso wie bei den Stellenanzeigen, wo richtig tolle Firmen mit einer „aber-hallo“-Unternehmenskultur, einem unvergleichlichen Team-Spirit und einer kaum überschaubaren Anzahl von Benefits noch tollere Mitarbeiter jeglichen Geschlechts m/w/d suchen, die Karriere machen wollen. Das erklärte Ziel: Gemeinsam werden wir der Sonne des Erfolgs entgegenreiten, wo am Horizont Ruhm und Ehre und jede Menge Geld und Luxus warten.

So steht es in den Stellenanzeigen. Zumindest indirekt.

Seltsam nur, dass in unzähligen Gesprächen mit Geschäftsführern und Managern die Unternehmen plötzlich gar nicht mehr so dolle sind – und gleichzeitig die Erfahrungen in der Personalsuche zeigen, dass die allerwenigsten Menschen Karriere machen und schon gar nicht Verantwortung tragen möchten. Genau: Ich behaupte, dass die allerallermeisten Stellenanzeigen sich nicht nur bei der Selbstbeschreibung schamlos in die eigene Tasche lügen, sondern auch meilenweit an den Eigenschaften und Anforderungen der Zielgruppe vorbei zielen.

Wenig überraschend wird sie den wenigsten Firmen gefallen, dennoch möchte ich mit meiner Idee nicht hinterm Berg halten: Es wäre doch spannend, einmal eine ehrliche Stellenanzeige in den einschlägigen Medien und auf den diversen Job-Portalen zu lancieren und zu schauen, was passiert. Sie könnte folgendermaßen aussehen:

Wir suchen.

Je eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter für unser Lager, die Lohnbuchhaltung und in der Produktion. Nach einem Kinderwunsch fragen wir nicht, ebenfalls haben Menschen mit Handicap oder mit nicht genau zuordenbarem Geschlecht keine Nachteile bei der Auswahl. Unser Anwalt achtet darauf, dass wir „political correct“ sind, der Großteil unseres Personals hat eh kein Problem damit. Außer, es wird permanent zum Thema gemacht wie z.B. das vermaledeite Gendern.

Unser Unternehmen.

Wir sind eine mittelständische Firma, die ihre Nische gefunden hat, darin seit einigen Jahren ganz gut überlebt, aber ansonsten nichts Besonderes ist. Wir haben kein Alleinstellungsmerkmal und finden im Durchschnitt unseren Umsatz, der wie der Gewinn langsam wächst, aber auch wieder fallen kann. Der Markt hat uns gelehrt, dass Vorhersagen vor allem eines sind: häufig falsch.

Bei uns gehen Leute in Rente, andere kündigen aus für sie guten Gründen – und manchen kündigen wir. Meist, weil wir nicht zueinander passen, hin und wieder auch betriebsbedingt.

Ihr Profil.

Sie haben den Beruf gelernt, den wir suchen. Entweder Sie bringen etwas Erfahrung mit oder den Elan, den man in jungen Jahren und zum Start eben hat. Wir wissen, beides geht nicht, aber wir sind schon mit einem zufrieden.

Und weil Sie nicht doof sind, lernen Sie auch dazu. Selbstverständlich würde es uns freuen, wenn sie zu der einen oder anderen Weiterbildung bereit sind, aber mal ehrlich: So viel wie bei der täglichen Arbeit und von Kollegen, die das schon länger machen, lernen Sie nirgendwo.

Es wäre von Vorteil, wenn Sie nicht allzu extrem sind: Also weder „die Schweigsame“ noch die „Quasselstrippe“, weder stinkend faul noch oberfleißig und -ehrgeizig. Die Freude eines Chefs über Letzteres ist nämlich nur von kurzer Dauer. Spätestens wenn die ganze Firmenbande rebelliert wegen steigenden Akkordvorgaben, oder man plötzlich ganz wackelig auf seinem angesägten Stuhl sitzt, weiß man, was man an einem Durchschnittsmitarbeiter hat.

Ihre Aufgaben.

Wir verlangen so viel von Ihnen, was in einem acht Stunden Tag zu bewältigen ist – mit gemäßigtem Tempo und Pausen inklusive. Wenn wir Ihnen versprechen, dass Sie sich eigenständig und frei in Ihren Aufgaben ausleben dürfen, dann nehmen Sie das nicht so ernst. Es gibt Vorgaben, an die man sich halten sollte. Also jeder halten sollte, der länger bei uns bleiben will.

Ihr Aufgabenprofil richtet sich nach Ihrer Ausbildung und nach dem, was Sie bis jetzt gemacht haben. Wenn Sie genau wissen wollen, was bei uns auf Sie warten, denken Sie bitte an die Stellenanzeige Ihres vorherigen Arbeitgebers zurück – und vergleichen Sie die damalige Aufgabenbeschreibung mit der anschließenden Realität. Na, klingelt´s bei Ihnen? Gut so.

Wir bieten.

Wir sind ein weitgehend eingespieltes Team. Wenn Sie nicht durch unbändigen Karrieredrang die internen Abwehrmechanismen hochschnellen lassen, gibt es bei uns kein unnötiges Mobbing. Selbstverständlich müssen Sie bei uns arbeiten, aber in der Regel kommen Sie nicht völlig erschöpft nach Hause. Das ist bei uns die Work-Life-Balance, weshalb wir auf die üblichen Betriebliche-Gesundheit-Gimmicks (Yoga, Massage, Mitgliedschaft im Fitness-Studio, kostenloses Obst, JobRad etc.) verzichten können, weil wir Sie andersherum nicht allzu sehr stressen.

Wir finden, das ist ein guter Deal.

Ob Sie mit Ihren Kolleginnen und Kollegen gut auskommen, liegt vor allem auch an Ihnen. Wir verzichten darauf, unsere Unternehmenskultur wie eine Monstranz vor uns herzutragen, denn sie ist wahrscheinlich nicht besser und hoffentlich nicht schlechter als anderswo.

Das Wichtige zum Schluss: Wir bieten 30 Tage Urlaub, ein 13. Monatsgehalt und eine betriebliche Altersversorgung. Und bei 25 Jahren Firmenzugehörigkeit gibt es einen Scheck und eine goldene Uhr dazu.

Ob eine solche Stellenzeige funktioniert? Ich fürchte, sie wird nicht ernst genommen und von vielen als Witz abgetan. Dabei ist sie todernst gemeint.

 

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8 Comments

  1. Lieber Bernhard, einfach großartig!
    Und dieses Lob schreibt Dir ein überzeugter Personaler 🙂
    Mehr Ehrlichkeit und Transparenz von Anfang an (und von beiden Seiten) würde zu einem späteren Zeitpunkt so manch böse Überraschung ersparen.
    P.S. Auch wir arbeiten noch mit den „klassischen“ Stellenanzeigen. Noch.

    • redkrebs

      Lieber Marco, dein Lob freut mich freilich besonders. Wohl auch, weil ich mich bei dir sofort bewerben würde, wenn eine Festanstellung für mich was wäre ;-). Venceremos, Bernhard

  2. PB

    Das ist schon ziemlich nah an der Realität – bzw. an einem optimalen Unternehmen mit optimalen Arbeitgebererwartungen. Aber gibt es diese wirklich?
    Wie wäre es im Vergleich mit einer Stellenanzeige, in der der Arbeitgeber wirklich ungeschminkt redet? Dass Überstunden den erwartet, aber unter Umständen nicht vollständig bezahlt werden, Großraumbüros ohne festen Schreibtisch (first come first serve), Mobiles Arbeiten/Home Office, aber dafür werden auch keinerlei Kosten (Strom, Heizung, Möbel) erstattet, weil man ja ein internationals Unternehmen sein möchte, wird untereinander Ur noch in Englisch gesprochen, selbst unter deutschen Kollegen und zu rein deutschen Themen, Teilzeit ist zwar möglich, diese Mitarbeiter werden aber quasi nicht beachtet und in ihrer Arbeitsleistung trotzdem mit Vollzeit-Mitarbeitern verglichen, und und und. Wäre DAS nicht eher die ehrliche Stellenanzeige?

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