Am Frühstückstisch

Ich halte es mit dem Spruch, dass man wie ein Kaiser frühstücken soll. Den Rest der Lebensweisheit, die angeblich auf Kaiser Wilhelm I. zurückgeht, ignoriere ich dagegen wohlweislich, weil ich auch abends lieber Kaiser als Bettler bin.

Tatsächlich komme ich mit zunehmendem Alter zur Erkenntnis, dass man am Frühstücksverhalten nicht nur die Vielfalt der Menschheit studieren kann, sondern auch manchen Rückschluss auf den Charakter des einzelnen ziehen darf. Zum Beispiel habe ich noch keinen gemütlichen Mann, geschweige denn eine geduldige Frau kennengelernt, die aufs Frühstück verzichten.

Frühstückskönige und Frühstücksbettler

Als Grund führen Frühstücksverweigerer entweder an, dass sie so früh außer einer Tasse Kaffee noch nichts hinunterbringen, oder dass sie als Morgenmuffel die Viertelstunde lieber noch im Bett verbringen. So oder so scheint mir ein solcher Tagesbeginn das hektische Tempo der folgenden Stunden vorzubestimmen: Raus aus dem Bett, rein in den Alltag, das geht definitiv behutsamer.

Ich mag gerne ausgiebig frühstücken, wenngleich ich kein Trödler bin, der endlos bei angeblich guten Gesprächen am Tisch sitzen bleiben will. Ein solches Verhalten habe ich spätestens mit dem Ende meiner Nikotinsucht abgelegt. Und ja: Wenn ich fertig bin, stehe ich auch auf.

Zwischendurch gefragt: Wer in Teufels Namen hat eigentlich dieses unsägliche „Brunch“ erfunden? Nein, das ist nicht die Fülle an Speisen, die ich mir wünsche. Im Gegenteil bin ich als guter Frühstücker bereits satt, wenn Weißwürste und Schnitzelchen gereicht werden …

Für mich ist das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages, auch weil ich mich in diesen 15 bis 30 Minuten meiner auf Papier gedruckten Tageszeitung widme. Zu dem, was ich jetzt vom Lokal- und Weltgeschehen, von Sport, Kultur und Wirtschaft erfahre, kommt im Rest des Tages meist wenig dazu. Und ganz wichtig: Die Todesanzeigen verraten mir, wann ich zur nächsten Beerdigung gehe.

Tageszeitung und Frühstück

Ich verweigere Nachrichten via Tablet und ich bevorzuge Zeitungen im handlicheren Berliner Format. Meine Versuche mit der Süddeutschen (Nordisches Format) habe ich abgebrochen, weil sie nicht auf den Frühstückstisch passt. Und weil sich Geschichte wiederholt, wird auch in der aktuellen Generation wie bei den Großeltern die Zeitung erst hierarchisch (wer bekommt als erstes den Lokalteil) viergeteilt und dann zwischen den vier Familienmitgliedern herumgereicht. Ich mag solche Traditionen.

Von denjenigen, die kein Frühstück zu sich nehmen, war bereits die Rede. Die Frühstücker wiederum unterteilen sich in verschiedene Spezies. Da gibt es Kaffee-, Tee- oder Kakaotrinker, den Müslifans stehen die Kuchenliebhaber gegenüber. Und es gibt seit der über Jahrzehnte unvermeidlichen TV-Serie „Lindenstraße“ das explodierte Angebot auf dem Frühstückstisch: Wo früher eine Brotscheibe, Margarine und Erdbeermarmelade genügten, reihen sich heute diverse Konfitüre-Gläser, gerne samtweich, an Mandelcreme (natürlich nur die eine!), Honiggläser und Tellern mit diversen Wurst- und Käsesorten, nicht selten garniert mit frischen Gurkenscheiben und prallen Cocktail-Tomaten.

Das Ei beim Frühstück

Semmeln (Brötchen) und Brezen sowie Ei, als Spiegel, weichgekocht oder gerührt, gab es bei meinen Großeltern und Eltern nur sonntags, den frischgepressten Orangensaft kannten sie gar nicht. Das ist heute definitiv anders. Was sich nicht geändert hat: Ich kleckere mich beim Frühstück voll. Ebenfalls gleich geblieben ist nach Aussage meines studierenden Sohnes, dass in WGs immer Butter im Marmeladenglas zu finden ist. Bei manchen Dingen ist der Mensch als Spezies eben stur.

…. Ich könnte wahrscheinlich noch eine Menge über das Frühstücken schreiben und/oder offene Fragen dazu formulieren (Wie viele Minuten hat ein weichgekochtes Ei? Wann verdrängte der Becher die Tasse? Warum ist beim Frühstück im Hotel der Speck nie kross? ????) – und würde dann merken, dass diese im Gegensatz zu anderen Geschichte keine abgeschlossene Dramaturgie besitzt. Nicht besitzen kann, weil Frühstück ja immer erst der Beginn von etwas ist.

Deshalb gilt auch hier und jetzt: Wenn ich fertig bin, stehe ich auf…

Bild von Bild von Gabi auf Pixabay

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