Weil ich so groß bin.

Beginnen wir mit einer Klarstellung, die – einem Naturgesetz gleich – stets folgt, wenn meine Größe zur Sprache kommt: Sollte ich behaupten, „Ich bin groß“, meine ich natürlich, dass ich körperlich hochgeschossen, sprich lang bin. Ich würde mir nie bzw. nur selten anmaßen, hier eine geistige Größe ins Spiel zu bringen oder gar eine „große Persönlichkeit“.

Ich war einmal zwei Meter groß. Zumindest besagt dies mein Musterungsbescheid aus dem Jahr 1982. Das ist lange her, denn seitdem sind knapp 40 Jahre vergangen. Ich beuge mich der Biologie und dem körperlichen Verfall mit einem Rundrücken, der vielleicht auch den falschen Sportarten in jungen Jahren geschuldet ist: Tischtennis und Sportkegeln – wie sollte ich damals ahnen, dass ich schon bald zu groß dafür werde?

Egal, denn über Gebrechen zu klagen, dafür fand und finde ich bei anderen Gelegenheiten genügend Raum. Diesmal geht es um Rahmenbedingungen und die häufig skurrilen Anpassungsversuche von „Langen“. Und es geht darum, warum man jenseits der 1.95 den Humor nicht verlieren sollte.

Zuerst die Vorteile eines Körpermaßes über dem Durchschnitt: Solange die meisten Frauen ein Faible für Männer haben, die größer sind als sie, eröffnet sich den „Langen“ ein weit größeres Partnerinnenpotenzial – sofern man nicht in allen anderen Auswahlkriterien versagt. Wer zusätzlich noch ein paar Tanzschritte beherrscht, sammelt weitere Punkte gegenüber dem männlichen Wettbewerb, denn im Eins-zwei-drei-Wiegeschritt gibt nach herkömmlicher (und mit Verlaub, längst überholter) gesellschaftlicher Attitüde eine sichtbare Unterscheidung von Geschlecht und Größe die Akzeptanz vor. Ganz persönlich weiß ich zudem: Es tut dem Manne gut, wenn sich die Frau beim Tanze an ihn schmiegt und ihren Kopf an seine Schulter lehnen kann.

Kurz vor den zwei Metern benötige ich keine Leiter, wo andere die Staffelei holen, und wische den Staub im obersten Regal, wenn es die Gattin für nötig hält. Und auch, wenn man es gerne leugnet, der erste Eindruck eines „Langen“ ist meist einprägsamer, denn – um mit einer Bekannten zu sprechen – „wenn es dunkel wird im Zimmer, sobald du in der Tür stehst“ besagt zumindest, dass man mich bemerkt.

Die Kehrseite der Medaille ist gar nicht so selten, dass der Große oft keine Ruhe hat, wenn er es möchte. Während in der Parallel-Welt der Hunde die kleinen Kläffer furchtlos den Riesen angreifen, sieht sich bei den Humanoiden manch Mann unter 1,70 Meter dazu genötigt, es dem XXL-Konkurrenten immer zeigen zu müssen. Dieser bekommt deshalb in der Jugend öfters eine aufs Maul und schaut später im Job auf der Karriereleiter den Kleinen hinterher. Ausgleichende Gerechtigkeit nennt man das wohl, …

… die sich fortführt im Alltag, wo überlange Menschen an jeder Ecke neuen Schmerzen und der Lächerlichkeit ausgesetzt sind. Ich spreche von

  • niedrigen Türstöcken und tiefhängenden Leuchten, an denen man sich den Kopf anschlägt.
  • Betten und Bettdecken in teuren Übergrößen.
  • zu kurzer Kleidung, Hochwasserhosen und der Must-To-Angewohnheit, die Ärmel nach oben zu krempeln. Kleidung „von der Stange“: Fehlanzeige!
  • Flugreisen, die bereits kurz nach dem Abheben zu wunden Knien und unerträglichen Qualen führen. Dass der Alkohol mittlerweile extra kostet, macht es nur schlimmer.
  • Sportdisziplinen und -übungen, die selbst durchtrainierte Athleten ungelenk und schwerfällig daherkommen lassen. Und mit langen Armen einen Klimmzug zu schaffen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit.
  • einer Autoindustrie, die in den schnittigen Fahrzeugen auch das Lenkrad tiefergelegt hat. Die Füße darunter – ich werde nie einen Sportwagen fahren.

Oder im Urlaub: Der überzeugte Camper in Überlänge freut sich, dass die öffentlichen Sanitäranlagen in den meisten Anlagen an Ausstattung und Sauberkeit hinzugewonnen haben. Denn ob im Wohnwagen, Campingmobile oder Mobile Home – ein Besuch der Toilette verbietet aufgrund langer Oberschenkel die geschlossene Tür. Und sollte der Herr jenseits 1,90 Metern auch noch wie ich über einen stattlichen Bauchumfang verfügen, läuft er Gefahr, beim Duschen zu ertrinken, da er um die Körpermitte wie ein Korken die enge Duschkabine abdichtet … und das Wasser immer höher steigt, während die Füße trocken bleiben.

Zum Schluss noch etwas Gutes für den „Langen“: Zuhause wurde ich mittlerweile davon befreit, Spiegel, Bilder oder Regale aufzuhängen. Was mir im Single-Dasein gar nicht bewusst war: Sollte ich es nämlich ohne Aufsicht tun, dann hadern die restlichen Familienmitglieder (und Gäste im Bad oder an der Garderobe) darob, dass „auf Blickhöhe“ bei mir immer 20 Zentimeter höher ist.

Bild von Hendrik Hausen auf Pixabay

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