Ich schau dir in die Augen, Kleines!

Für Gerhard Ferstl, den Optiker meines Vertrauens, und seine wunderbare Gattin Alexandra, die nicht weiß, wie gut sie schreibt.

Ich höre gut, ich rieche sehr intensiv, ich taste und spüre leidenschaftlich, und ich schaue sehr gerne. Was heißt: Was die Sinne angeht, habe ich grundsätzlich keine Vorlieben, allerdings kann je nach Situation ein Sinn über den anderen dominieren.

Eine Dame mit kreischende Falsettstimme zum Beispiel mag die schönsten Augen haben, ich werde sie meiden. Dagegen kann ein Duft (ich sage nur: Poisson) mich in einer Art und Weise betören, dass es mir herzlich egal ist, ob sich die Dame ohne Taktgefühl beim Tanzen knöchrig anfühlt. Und wenn ihr Blick …. nun, dann war es schon mal um mich geschehen & hörte und roch und fühlte ich nichts mehr.

Gerade bemerkt: Ich rede hier nur von den Damen, was allerdings auch richtig so ist, denn – ohne den Herren der Schöpfung nahetreten zu wollen – hatten in meinem Leben die Sinne einzig zwischenmenschliche Relevanz in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht.

Ich schaue gerne still, weil ich dabei nicht reden muss. Am liebsten lasse ich meinen Blick übers Meer wandern, die nackten Füße, von der Brandung umspült, im Sand. Auch von einem Berg schaue ich und es ist (noch) ein Traum, dass ich irgendwann in den Anden einem Kondor dabei zusehe, wie er über die Gipfel gleitet. Und ich schaue am liebsten, schweigend auf einer Bank sitzend, dumm in die Gegend. Dabei habe ich bevorzugt mein „grantiges Grundg´schau“ aufgesetzt, welches mir bei maximaler Entspanntheit die Leute vom Leibe hält.

Während ich ganz gut weghören und in keinem Fall wegriechen kann, bewegt sich das Wegschauen irgendwo mittendrin. Ich lasse gerne Menschen, denen etwas Peinliches widerfährt, ihre Würde (tatsächlich ist mir Schadenfreude weitgehend fremd), bei Ungerechtigkeiten in unmittelbarerer Nähe fällt mir das Wegschauen aber – glücklicherweise – meist schwer. Dass ich gerne mich an die Seite von Schwächeren stelle, verbuche ich allerdings so lange nicht unter „guten Eigenschaften“, bis ich mir absolut sicher bin, dass hier nicht auch ein gutes Stück Eitelkeit dabei ist.

Zurück zur Magie der Augen, zurück zu den Damen mit dem Blick, der einem die Füße unter dem Körper wegzieht. Ich liebe es, wenn man ganz tief schauen kann, so dass man das Gefühl hat, einen Blick ins Universum zu werfen. Und wenn in den Augen sich Selbstbewusstsein mit Verletzlichkeit, sich Ruhe mit Leidenschaft vereinen, dann ist es wie ein Magnet – und ich hoffe zutiefst, dass mein Starren von der Dame gegenüber nicht als „ausgesprochen seltsam und aufdringlich“ interpretiert wird.

Wohin ich ansnsten bei Frauen zuerst schaue? Das soll mein Geheimnis bleiben, das nur die geliebte Mutter (die wunderbare braune Augen hat) meiner Söhne kennt, weil sie mich wie kaum eine andere kennt. In der Praxis ist dies freilich blöd, denn sie merkt natürlich sofort, wenn ich schaue, und noch mehr, wenn ich versuche, nicht zu schauen. Sie wählt dann diesen mitleidig grinsend-verächtlichen Blick, mit dem sie mich anschaut, während ich noch auf das Nicht-Schauen konzentriert bin.

Wie überhaupt die beste Ehefrau von allen eine Meisterin in der Disziplin „Beredtes Schweigen“ ist, das vor allem ein vielsagendes Schauen ist. Genau ein solches hat sie mir geschenkt, als ich kürzlich ein Schauen auf eine Dame in einiger Entfernung damit entschuldigte, dass ich jene gar nicht mehr erkennen könne.

Meine Hoffnung war daraufhin Gerhard Ferstl, der dies bestätigen sollte. Und er tat es … und ich trage jetzt eine Brille, mit der ich wieder besser schauen kann. Ob das allerdings gut für mich ist, wird die Zukunft mir zeigen. Und meine Frau.

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