Der Titel macht den Manager

Ein mir nicht unbekanntes Unternehmen, dessen wackere Crew durch manch schweren Sturm manövrierte und selbst Wirtschaftskrisen laut und mutig ins kapitalistische Gesicht spuckte, erlebt gerade eine nie da gewesene Krise, weil: Die Personalabteilung beschloss, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neue Visitenkarten aufzulegen.

Die letzten Visitenkarten gab es vor gefühlten zwanzig Jahren, denn man hatte sich vor geraumer Zeit der Digitalisierung verschrieben. Seitdem vergammelten tausende von Visitenkarten in diversen Schubladen, ohne dass irgendjemand davon Notiz nahm. Das jeweilige Gehalt variierte nach Firmenzugehörigkeit, Kompetenz und Verhandlungsgeschick – keinem kam in den Sinn, dass es etwas mit dem Titel zu tun hatte, der auf der vergessenen Visitenkarte stand.

Und jetzt? Es hat auf geradezu dramatische Weise die Rangelei um Titel begonnen, die auf einer Visitenkarte zum einen den Unterschied zum Kollegen manifestieren und zum anderen Auswirkungen auf die nächsten Gehaltsverhandlungen haben soll.

Ist ein Senior Expert mehr als ein Expert, was muss hinter dem prominenten „Head of …“ kommen? Eine erste Sammlung hat 30 verschiedene Titelbezeichnungen ergeben, und dabei haben die Kreativen unter den Selbstdarstellern noch nicht einmal begonnen, ihre Ideen in den Ring zu werfen. Ich fürchte, der inflationäre Zusatz „Vice“ wird unvermeidlich… und ohne Zweifel wird es auch denjenigen geben, der auf eine Jobbezeichnung generös verzichten wird, um all den anderen Kleingeistigen seine Verachtung zu zeigen.

Ich gebe zu, ich bin nicht gefeit vor schönen Titeln, wenngleich mir der Magister Artium M.A. herzlich egal ist, weil ich weiß, wie ich ihn erlangt habe. Und vorher war bei der Bundeswehr der Obergefreite so viel wert wie der Gefreite und Hauptgefreite, salutieren vor dem Unteroffizier mussten alle. Später war ich dann erst Volontär, denn Redakteur – ein Titel, der nicht geschützt ist und deshalb angesichts der vielen ungelernten Redakteure auch nicht viel wert.

Raus aus der Zeitung kam mein Titel-Hochzeit, denn ich wurde gleichzeitig Kulturreferent eines Landkreises, Pressesprecher eines Landratsamtes und Persönlicher Referent eines Landrats. Das klingt viel toller als es war, überfordert hat es mich trotzdem. Danach war ich noch einmal Produktmanager und Leiter der Presseabteilung, die nur aus mir bestand, ebenfalls in Personalunion.

Das war´s, denn dann wurde ich freiberuflich … und darf bis heute staunend beobachten, welcher Titel-Wahnsinn sich in den Unternehmen herumtreibt. Oder in den Krankenhäusern, wo es früher einen Chefarzt, Oberärzte und Assistenzärzte gab. Heute finden sich dort auch Leitende Ärzte, Leitende Oberärzte, Funktionsoberärzte, Team-Chefärzte und Geschäftsführende Oberärzte – es wird zunehmend schwieriger, hier den „Ober“ vom „Unter“ zu unterscheiden.

Was früher ein Abteilungsleiter war, wurde später ein Manager und heißt heute Entrepreneur. In der Regel sind es keine Geschäftsführer, denn die nennen sich lieber „Managing Director“, wie überhaupt auch hier bzw. vor allem hier die Anglizismen das sprachliche Ruder übernommen haben.

Zweifellos, es gilt auch heute noch: Ein Job-Titel bedient das Bedürfnis des Menschen, stolz darauf zu sein, Karriere gemacht zu haben. Es zeigt, man ist erfolgreicher und besser als andere, bevorzugt in einem führenden Global Player. Dem Unternehmen wiederum dienen Titel entweder als weithin sichtbare Belohnung – oder als eine wohlklingende, dennoch billige Erklärung und Entschuldigung dafür, dass die Zuständigkeiten des Mitarbeiters genau beschränkt sind. Hier wird eine Komplexität des Tuns nur geheuchelt und der Machterhalt durch Zersplitterung manifestiert.

Zum Schluss: Geradezu archaisch mögen die ehrenvollen Bezeichnungen „Geselle“ oder „Meister“ im Handwerk anmuten, die genau das besagen, was darin steckt: Der eine kann mehr als der andere, wichtig sind beide.

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