Ich mag keine Menschen

Misanthrop, der: -en; Menschenfeind, -hasser. Misanthropie charakterisiert eine Geisteshaltung, keine Handlungsweise. Ein Misanthrop kann freundlich, sogar gesellig sein, aber schlussendlich meinen: „Ich mag eben keine Menschen“. So wie mein Schwiegervater Hermann, dem ich folgende Zeilen widme.

Generell bin ich ein ausgeglichener Mensch. Nicht unbedingt den ganzen Tag fröhlich, aber auch nicht grundlos wütend oder leidend. Doch gibt es mitunter Situationen, die mich in Rage bringen. Zum Beispiel gestern. Ich fahre mit dem Auto die Hauptstraße entlang, vor mir ein imposanter Mercedes, am Steuer ein mittelalter, gut frisierter Herr mit Designer-Brille, wie ich ihn in seinem Rückspiegel gut erkenne.

Ich habe nichts gegen Mercedes-Fahrer, wie ich überhaupt allen Automarken und der angeblichen Typologie ihrer Fahrer weitgehend uninteressiert begegne. Es ist mir egal, wer vor oder hinter mir fährt, solange es kein Menschenfreund ist. Und der Mercedes-Fahrer gestern war ein Menschenfreund. Ob sie Vorfahrt hatten oder nicht, er winkte jeden aus der Seitenstraße vor sich auf die Bahn.

Beim Abbiegen wartete er geduldig auf jeden kreuzenden Radler, selbst wenn dieser noch 50 Meter entfernt war. Den „Reißverschluss“ an der Fahrbahnzusammenführung interpretierte er als „Drei lass ich rein, dann komme erst ich“ – und selbst beim offensichtlich tief schlafenden Vordermann an der Grünen Ampel ignorierte der Menschenfreund, dass sein Mercedes eine Hupe in der Standardausrüstung enthält.

Ich mag keine Menschenfreunde. Ihre freundliche Geduld macht mich rasend, noch rasender macht mich ihre grenzenlose Hilfsbereitschaft. Sie wollen nämlich immer „nur mein Bestes“, während ich nur meine Ruhe haben will. Der Schal gegen die Erkältung, von dem ich Ausschlag bekomme, oder der Regenschirm, der das Wasser konzentriert in meinen Kragen leitet – in schöner Regelmäßigkeit erfahre und erlebe ich, dass mir „mein Bestes“ gar nicht gut tut.

Dumm nur, dass ich von Hobby-Lehrern und pädagogisch wertvollen Menschen umgeben bin. Zum Glück aber, dass ich das „grantige Grundgschau“ besitze. Was heißt: Wenn ich sehr entspannt bin, ähnelt mein Gesichtsausdruck offensichtlich einem zornentbrannten Wüterich. Das hält viele Menschen ab. Leider nicht alle.

Meine Bitte: Wenn Sie mich also mit zornigem Gesicht einfach nur da sitzen oder auch nur ein Bier trinken sehen, dann denken Sie bitte daran, dass das nicht böse gemeint ist. Sprechen Sie mich aber bitte nicht an.

P.S.: Geradezu dramatische Folgen haben geniale Musiker, die zu Menschenfreunden mutieren. Bob Geldorf (Boomtown Rats) und Sting (Police) machten richtig gute Musik … bis sie dachten, sie müssten die Welt retten. Das ging nicht gut, wie wir alle wissen.

 

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