Gedanken zur schlaflosen Fastenzeit

Ich schreibe diese Zeilen an einem Donnerstag um 3 Uhr nachts. Ich kann nicht schlafen, weil: Ich habe Hunger. Riesigen Hunger. Und Durst. Gestern war Aschermittwoch und wie jedes Jahr beabsichtige, die Fastenzeit ernst zu nehmen und mich in Verzicht zu üben.

Freilich, ich könnte es wie die Meister der rituellen Kalauer machen und darauf verzichten, Gemüse zu essen, Sport zu treiben, nett zu sein – und schließlich bis zum kompromisslosen Ende der absurden Logik: Ich verzichte zu verzichten. Das war beim ersten Mal vor gefühlten 50 Jahren vielleicht lustig, ist es aber heute nicht mehr. Ebenso wie – übrigens – der jährliche August-Aufschrei in den Sozialen Medien, dass nur noch vier Monate bis Weihnachten sind.

Ich faste also. Und zwar während der Fastenzeit von Aschermittwoch bis einschließlich Karsamstag. Ursprünglich dachte ich ja, dass dies die 40 Tage sind, die Jesus in der Wüste verbrachte, solange die Sintflut andauerte und Moses auf dem Berg Sinai sandelte.

Tatsächlich summieren sich die Tage auf 46, weil die Christen in ihrer Fastenzeit die Sonntage ausnehmen. Ich tue es nicht, weil ich nie davon gelesen habe, dass sich Jesus, Mose oder auch die Sintflut in der Woche einen Tag frei genommen hätten.

Überhaupt bin ich (nicht nur hier) froh, in der römisch-katholischen Kirche sozialisiert worden zu sein, wenngleich es meine Familie dabei beließ, an Aschermittwoch und Karfreitag Fisch statt Fleisch zu essen (und an Gründonnerstag gab es Spinat). Die hier gepredigte Fastenzeit ist mir ein beruhigender Anker inmitten der Flut von Fasten-Hypes, die aktuell die Sozialen Medien überschwemmen.

Von Fastenkur bis therapeutisches Fasten, von Intervall-, Basen- und Wasserfasten bis zum „Dry January“ – mir ist lieber die christliche Fastenzeit „heilig“, als dass ich die Orientierung inmitten meiner guten Vorsätze verliere … und es lieber gleich bleiben lasse. Nun gut, das „Dry“ gilt auch für mich, denn ich versuche vor allem, keinen Tropfen Alkohol zu trinken. Das fällt mir nämlich schwer.

Und zwar so schwer, dass ich es in den vergangenen zehn Jahren nur dreimal geschafft habe, 46 Tage auf Alkohol zu verzichten, UND achtmal kläglich gescheitert bin. Mein Rekord des Fastenbrechens liegt bei elf (!!) Stunden. Es war vor vier Jahren, es war ein wohltemperierter Aschermittwoch in München – und es war auf dem Viktualienmarkt, wo ein frisch gezapftes Bier in der Sonne die Versuchung zu groß werden ließ. Weil ich kein Freund von „Ausnahmen“ bin, blieb dieses Bier nicht das einzige und war die Fastenzeit damit beendet. Das galt auch zwei Jahre davor als Zuschauer bei einem Fußballspiel, ein andermal war es ein Freund, der … es gab also Gründe genug.

Kurz zur Begriffsklärung: Die Fastenzeit hat für mich nichts mit Diäten oder mit Askese zu tun. Das eine sind die treuen Begleiter meines dicken Lebens, das andere ist den weisen Zen-Buddhisten und drahtigen Sportlehrern vorbehalten. Für Letzteres bin ich einfach zu groß, rede ich mir ein.

Die Fastenzeit ist gut für Körper und Geist, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Ich verliere nämlich etwas an Gewicht, weil ich abends ohne einen Krug Bier oder ein Glas Wein regelmäßig nichts esse. Eine Brotzeit und Alkohol, das ist für mich ein Genuss-Doppel, bei dem das eine ohne das andere keinen Spaß macht.

Und meine Leber frohlockt angesichts des Wassers und des gesunden Tees, mit dem ich sie knapp sieben Wochen verwöhne. Deshalb schicke ich das Organ an Ostern stante pede mit fünf Bier ins vertraute Delirium. Ja, wo kommen wir denn hin.

In einer erfolgreichen Fastenzeit schlafe ich besser, allerdings auch weniger. Ich bin in der Nacht häufiger wach, was mir zusätzliche Zeit zum Nachdenken schenkt. Abgesehen davon, dass mir auffällt, dass die beste Ehefrau von allen nicht schnarcht, sinniere ich also vor mich hin, was manchmal gut ist und manchmal nicht. Und in zwei von drei Nächten stehe ich dann auf und bastle an einer Geschichte … wie zum Beispiel an dieser.

Es ist Donnerstag, 4 Uhr. Hatte ich schon gesagt, dass ich großen Hunger habe? Und Lust auf ein Bier?

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