Der Bus hat keine Bremsen

Für Oliver Ehrenreich, meinem Freund. Mit dem ich zwar nie Bus fuhr, der für mich aber der Busfahrer par excellence ist.

Es mag an der fehlenden Beinfreiheit liegen, dass in meiner persönlichen Rangliste aller herkömmlichen Möglichkeiten der Fortbewegung eine Fahrt mit dem Bus an letzter Stelle erscheint. Das Privileg, ganz hinten in der Mitte und damit mit reichlich Platz zu sitzen, genoss ich viel zu selten, ebenso das Glückslos, zwei Sitze einer Reihe mein eigen zu nennen. Und ganz vorne rechts, wo die Beine nach vorne baumeln können – nun, das war einfach viel zu nahe an Busfahrer, Lehrer, Reiseleiter und Streber, also nichts für mich.

Ich war niemals ein Schulbuskind, ich habe als Erwachsener bis dato auch noch keine Busfernreise unternommen – und werde das auch nicht mehr tun. Zu präsent sind die Berichte meines Vaters und seiner Lebensgefährtin von Senioren-Busreisen nach Österreich, Italien oder Frankreich, bei denen das „Spar-Paket“ das ultimative Argument erschien.

Das heißt, meine Buserlebnisse beschränken sich auf insgesamt vier grundsätzliche Erfahrungen, die jede für sich auch Merkwürdiges zutage treten ließ

Erstens. Ein „dunkler Punkt“ in meiner Vergangenheit ist die Mitgliedschaft in einem Wanderverein, was für einen Jugendlichen bei einem Durchschnittsalter weit über 50 Jahren nicht unbedingt etwas ist, auf das er stolz ist. In den 70ern waren die IVV-Wandertage noch eine Erfolgsgeschichte mit über hundert, sehr gut besuchten Veranstaltungen in der näheren Region im Jahr.

Sie waren also das, was man heutzutage ein Event nennt, weshalb jeden Sonntag um 6 Uhr morgens von Burglengenfeld ab ein mit Wanderern gut gefüllter Reisebus startete. Unser Fahrer hieß „Schore“ Koller, war ein sehr leutseliger Kerl – und er hatte immer genügend Bier dabei, das Flasche für Flasche bereits vor der Ankunft am Zielort und natürlich auch auf der Heimfahrt in durstige Kehlen floss. Was auch bedeutete, dass der Bus mehrmals für Biesel-Pausen halten musste, was dazu führte, dass sich in meinem Gedächtnis der Dreiklang „Bus-Bier-Bieseln“ verfestigte.

Zweitens. Eine Rundreise durch Sri-Lanka im Kleinbus Anfang der 90er. Das gebuchte Pauschal-Glück, das von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit führte, führte zwar zu einem überraschenden Team-Building mit Leuten, die ich anfangs nicht mochte, in Erinnerung blieben aber vor allem die vielen, sehr vielen Stunden im Bus, die sich zäh in die Unendlichkeit bogen.

Drittens.-Nochmal Kleinbus, nochmal Urlaub, nochmal Ausland. Bei den All-Inclusive-Reisen, die wir bevorzugt als junge Familie, weil da noch erschwinglich (keine Ferienzeit, der Kleine unter drei Jahren, der andere gerade mal sechs Jahre), unternahmen, wurden wir mit einem Kleinbus vom Flughafen zum Hotel und zwei Wochen später vom Hotel zum Flughafen gebracht – und zwar nicht selten von einem ausgesprochen wagemutigen Fahrer mit Hupe. Langer Rede, kurzer Sinn: Einmal hatte ich richtige Todesangst und betete inbrünstig für Leben meiner Familie auf der Fahrt vom „Jungle Aqua Park“ zum Airport.

Viertens. Meine wichtigsten Bus-Erfahrungen, die allerdings so lange zurückliegen: Klassenreisen, die nach Regensburg, Nürnberg. München und einmal sogar nach Rom führten (für die Klassenfahrt nach West-Berlin nahmen wir 1981 den Zug, war vor dem Mauerfall leichter so). Die letzte Reihe inklusive der drei Reihen davor war für die „angesagten“ Jungs und Mädchen reserviert – hier ging immer die Post ab, meinten zumindest die Klassenkameradinnen und -kameraden weiter vorne. Jedenfalls war man hier vor allem gerne: Laut. Viele Jahre vor den musikalischen Bierzelt-Eskalationen wurden hier Sauf- und Schunkellieder mit maximal einfachen Refrains (21, 22, 3, 4, 5, 26) geplärrt und mehr oder weniger zarte zwischenmenschliche Bande geknüpft. Die Enge der Sitzreihe war perfekt dafür geeignet UND ich gebe zu, auch ich legte hier den ersten Grundstein, auf dem beim nächsten Faschingsball aufgebaut werden konnte, … aber das ist eine andere Geschichte.

In der Gegenwart. Ohne eigene Bus-Erfahrung in den vergangenen Jahren holte ich kürzlich einen meiner beiden Söhne von einer Busreise mit seiner Musikkapelle ab. Schon von weitem hörte man ein unbestimmtes Dröhnen, das sich mit dem Öffnen der hinteren Bus-Türe zu einem lauten „Das Bus hat keine Bremsen“ manifestierte. Während der eine Teil der Fahrgäste still und brav aus der vorderen Türe stieg, stürzte hinten – offensichtlich nicht mehr nüchtern – grölend der Rest auf die Straße. Ich war beruhigt, dass hier zum einen mein Sohn dabei war und sich zum anderen in den vergangenen 45 Jahren wenig geändert hat. Wenigstens hier.

Keine Frage, Busse sind wichtig.

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