… und einer schnarcht immer.
Hin und wieder gehe ich mit der Mutter meiner Söhne oder mit Freunden in die Sauna, die heute Wellness-Area heißt. Ich schwitze gerne und finde es sehr angenehm, wenn ich mich dabei nicht über Gebühr bewegen muss. Was allerdings mitunter einem unbeschwerten Sauna-Gang entgegen steht, ist meine Abneigung, nur Zentimeter von anderen Nackedeis entfernt zu schwitzen. Mein natürlicher Drang Abstand zu halten … aber das ist eine andere Geschichte.
Heute geht es darum, dass ein Saunagang je nach körperlicher Befindlichkeit 15 Minuten dauert und die Zeit dazwischen mit Abkühlung, Duschen und Ausruhen mindestens 45 Minuten in Anspruch nehmen sollte. Ein Besuch der Saunalandschaft, ähm der Wellness-Area, kann also schon mal drei Stunden und einiges länger dauern. Für jemanden wie mich, der ein Freund effizienter Zeitgestaltung ist, durchaus eine Herausforderung.
Genau: Ich langweile mich häufig in der Sauna.
Weil die Musik auf Hintergrundgedudel gedimmt ist (was angesichts des Saunameisters Musikgeschmack absolut zum Vorteil gereicht) und mich Saunagespräche in der Regel mehr anstrengen als Kurzweil bieten, schaue ich in der Sauna. Auf meinen schwitzenden Bauch, der manches schamvoll verdeckt, auf meine haarigen Unterschenkel – und freilich auch auf andere Menschen, wobei ich hoffe, dies möglichst diskret zu tun.
Natürlich sieht bzw. „fühlt“ die Mutter meiner Söhne immer, wenn ich verschämt einen Blick auf eine attraktive, nackte Dame werfe. Glücklicherweise interessieren mich seit jeher als Mann junge Frauen kaum und sind viel seltener als erhofft attraktive Damen jenseits der 40 in der Sauna, was die Versuchungen samt höhnischer Kommentare in Grenzen hält.
Jedenfalls: Sobald mehr als zehn Leute beisammen sind, findet man immer bestimmte Archetypen des Saunagängers, und zwar:
- Der Buddha. Er scheint den Dampfbädern alter Mafia-Filmen entsprungen zu sein und thront in der Mitte der mittleren Reihe. Die Sprache seines beeindruckenden Körpers verbietet die Bitte, ob er denn rutschen könne.
- Die Rutscher bzw. diejenigen, die es von anderen Saunagängern einfordern. Sie kommen nämlich immer zu spät und erspähen jede 10 Zentimeter Freiraum als den perfekten Ort, an dem man sich niederlassen könne. Die Folge ist ein fortwährendes Rutschen und Ruckeln bis der Saunameister endlich endgültig die Tür schließt.
- Die ängstlichen Selbstüberschätzer: Sie treibt die Sorge um, dass sie zum Honig-Aufguss keinen Platz mehr in der Sauna bekommen. Sie sind also schon eine halbe Stunde vorher da und müssen kurz vor dem Aufguss die heiße Stätte ihres Unsinns wieder verlassen, sofern sie keinen Kreislaufkollaps riskieren wollen.
- Die Jünglinge des Saunameisters. Sie sind mit ihm auf „Du und Du“, lachen von der obesrten Reihe herab lauthals über seine dürftigen Witze und empfangen mit Filzhut auf dem Kopf das „Anschlagen“ mit hochgerissenen Armen. Dafür gibt es auch einen wohlwollenden „Schlag extra“.
- Der Alleinunterhalten. Er begrüßt jeden, der die Sauna betritt, mit einem fröhlichen Spruch, kommentiert gerne die Ansagen des Saunameisters und hält gerne eine lustige Anekdote aus früheren Saunagängen bereit. Die nackigen Damen lächeln dazu höflich, was ihn nur bestätigt und antreibt, keine Ruhe zu geben.
- Die Schwätzer. Sie flüstern so deutlich, dass man auch von anderen Ende der Sauna kein Wort überhört
Selbstverständlich gibt es jede erdenklichen Kombinationen der vorgestellten Archetypen, was nichts daran ändert, dass für mich bis heute eine delikate Frage unbeantwortet bleibt. So gibt es immer häufiger neben breitflächigen Tätowierungen und den neuesten Trends der Intim-Behaarung reichlich Metall dort zu beobachten, das als kleine oder auch größere Ringe die Genitalien verzieren. Dabei interessiert mich weniger, ob die Accessoires beim Sex stören, sondern treibt mich vielmehr die Sorge um, dass Metall sich in der Sauna doch sakrisch erhitzt. Ich hatte als junger Menn vergessen ein Kettchen abzunehmen, was 10 Minuten nach Saunabeginn plötzlich an der Haut sehr weh tat … nun, wahrscheinlich bin ich einfach nur ein Weichei.
Nach der Sauna und dem anschließenden Spaziergang samt eiskalter Dusche geht es schließlich in den Ruheraum, wo der gute Deutsche selbstverständlich seine Liege reserviert hat. Ich nehme also diejenige, die übrig bleibt, und versuche mich zu entspannen, vielleicht sogar mir ein kurzes Nickerchen zu gönnen.
Aber: Es war, ist und bleibt ein Wunschtraum, denn neben mir tuscheln immer zwei ältere Damen so lautstark, dass ich nach kurzer Zeit so viele Dinge weiß, die ich niemals hätte wissen mögen. Und es gibt immer denjenigen, der genussvoll in seinen Apfel beißt und hingebungsvoll kaut, was in der Stille des Raums an einen Gewährknall mit anschließendem Mahlen des Brechers in einem Steinbruch erinnert.
Ach ja, und einer schnarcht immer….
