… und zwar über meines. Ich wähle deshalb diese Form, denn meine Gattin will nicht über mein Alter reden. Ehrlich gesagt, ist sie eher genervt, wenn sie mein Ächzen beim Aufstehen hört – und ist definitiv peinlich berührt, wenn ich gegenüber Jüngeren mein Alter erwähne.
Als ich bereits einmal das Thema in eine Geschichte gepackt hatte, erntete ich in der Familie nicht den verdienten Applaus, sondern ein hinter vorgehaltener Hand hingerotztes „erbärmlich“ und „armselig“. Und die dabei verdrehten Augen meiner Jungs kenne ich nur zu gut von entwürdigenden „Ach nicht schon wieder“-Kommentaren, wenn ich begeistert (und zugegebenermaßen manchmal belehrend) alte Geschichten aus meiner Jugend zum Besten gebe. Gerne zum zweiten oder dritten Mal.
Es ist wichtig zu wissen, dass es die Jugend nicht interessiert. Und man sollte es beachten.
Noch schlimmer als den senilen Alten findet die arrogante Jugend die Alten, die jugendlich und hipp sein wollen. Für sie hat es etwas mit „Verzweiflung“ zu tun. Zumindest zwei Dinge mache ich hier richtig:
- Ich bin nicht der beste Freund meiner Söhne. Ich bin ihr Vater. Punkt.
- Wenn sie Freunde zu Besuch haben, gar eine Party feiern, lasse ich mich nicht blicken. Im Gegenzug schmeicheln mir die Jungs mit der Begründung, dass sie Sorge hätten, ich würde zum „Kult“ in ihrem Freundeskreis werden. Noch bin ich mir unsicher, ob ihr Mitleid mit mir nicht schlimmer ist als der blanke Hass.
Nun, ich gehöre nicht zu den Silver Surfern; Best Agern und Senioren-Nerds, die regelmäßig in das neueste Smartphone investieren und 27 von 24 Stunden am Tag online sind. Ich dagegen bekomme die abgelegte Elektronik der Familie und rede mir gerne diese Tatsche schön, indem ich darauf verweise, dass ich ja noch auf der Schreibmaschine gelernt und kiloweise Tipp-ex (was meine Söhne nicht mehr kennen) verbraucht hätte und mir als Geschichtenerzähler ein einfaches WORD-Programm genügt. Außerdem waren mir schon die Tasten auf dem Handy viel zu klein.
Wann ist man alt? Eine sehr geschätzte Leitende Oberärztin, Chefin der Akut-Geriatrie am örtlichen Krankenhaus, spricht mich immer mit „Junger Mann“ an. Ich gebe zu, ich bin deshalb ein wenig verliebt in sie, weiß als 62jähriger aber auch, dass ihre Vergleichsgruppe 80 Jahre und älter ist.
Auch, weil ich in den vergangenen Jahren vermehrt mit älteren Menschen zusammen bin, habe ich eine Vielzahl von Beobachtungen zum Thema „Alter“ zusammengetragen und in diversen Thesen gegossen, unsortiert und nach Gusto zu priorisieren.
Kurz vor dem 60sten und die ganzen Jahre danach…
- wird unser Bindegewebe schlaff, wachsen die Nase und die Ohren, dafür wissen wir aber ein gutes Glas Wein zu schätzen.
- bewegen wir uns im Kino und vor dem Fernseher im visuellen Zwischenreich: Man kann nicht mehr so viele Bilder pro Sekunde verarbeiten. Mir zum Beispiel wird einerseits schwindelig, andererseits bin ich mittlerweile so weit konditioniert, dass ich bei langen Einstellungen schnell ungeduldig werde.
- ist laute Musik kein Problem mehr für uns. Wir hören schlechter, schreien selbst aber lauter.
- bleibt die Hoffnung, dass wir als Baby-Boomer mehr sind als die anderen, ABER: Das Tempo bestimmen nicht wir, sondern die Jüngeren – und wir sind so blöde mithalten zu wollen. Der Leistungsgedanke ist in unserer Generation sehr ausgeprägt.
- werden wir nicht mehr, wenn die Zeit gekommen ist, wie unsere Vorfahren auf dem Land ins Austragshäusl verfrachtet. Heute sind die erwachsenen Kinder entweder sehr weit weg oder wieder ganz daheim, wo sie bedient und bekocht werden wollen.
- entwickeln wir ein seltsames Faible für Teppiche und noch schlimmer: Teppichböden.
- riechen wir. Die Damen gerne pudrig.
- sind wir (manchmal peinlich) modischer als unsere Omas, die mit Kittel, Schürze und Kopftuch arbeiteten, erreichen aber nie den eleganten Style von den Opas, die mit Krawatte, Bundfaltenhose, Gehstock und Hut zum Gottesdienst schritten.
- wird das Essen wichtiger.
- reden wir viel miteinander, hören uns aber dabei nicht zu.
- pflegen wir unsere Liebe zu detaillierten Krankengeschichten
- sind wir bevorzugt störrisch, widerborstig und stur. Bissig haben wir uns im „Angriffsmodus“ eingerichtet, zum Ausgleich wird unser Humor infantiler.
- bestimmen zunehmend andere Fragen unseren Tagesablauf: Welche Tabletten aus der Pillendose? Wir lange dauert diesmal das Pieseln? Wo habe ich die Brille hingelegt? Welche Versicherung ist gerade ausgelaufen?
- konzentrieren die Wittwer ab 70 Jahren ihr Leben auf den Tisch und die Sitzbank im Esszimmer, wo inmitten der Berge mit Akten und diverser Utensilien für Besuch kein Platz mehr ist.
- sieht man schlechter. Es wird folglich schmutziger.
- lamentieren (=ausgiebiges Klagen & Jammern) wir immer ausgiebiger (nebenbei: wenn ich über das Lamentieren im Alter lamentiere, nehme ich mir eigentlich jegliches Recht es zu tun, denn ich beweise damit gerade, dass ich keinen Deut besser bin).
Im Alter wird man wunderlich, was kein Wunder ist, oder?
Die Gegenwart ist rasant. Jeder kreischt dozierend von der Notwendigkeit, sich im hektischen Wandel der Gesellschaft im Sekundentakt zu ändern. Die Ampel steht auf: Fortschritt!
Ich tue mir in diesen Tagen auch wegen der Geschwindigkeit schwer. Es ist nicht mehr mein Tempo. Dabei liebe ich es zu „trietscheln“ – ein herrliches Wort für das „Zeit verplempern“.
Abgesehen davon haben Schildkröten mehr vom Weg als ein Hase.
