Der Brief der Ehefrau an den Arbeitgeber

(alternativ: der Brief des Partners an den Geschäftskunden)

Sehr geehrter Herr Chef oder auch sehr geehrte Frau Chefin,

ich wende mich vertrauensvoll an Sie, weil mein Mann gesagt hat, ich solle – ich zitiere wortwörtlich – „endlich mit dem Gezeter aufhören und mich einmal nicht bei ihm, sondern bei seinem Chef beschweren“. Das will ich hiermit gerne tun.

Das Wichtigste zuerst: Mein Mann ist definitiv unterbezahlt. Und zwar fehlen mit Blick auf seine (und meine) Arbeitsleistung nicht nur ein paar „Peanuts“, sondern mindestens zwei bis drei Gehaltsstufen. Aber das wissen wir beide. Dass Sie trotzdem ein entsprechendes Lohn-Upgrade noch nicht veranlasst haben, laste ich allerdings weniger Ihren bösen Absichten als vielmehr dem mangelnden Durchsetzungsvermögen meines Mannes an. Wahrscheinlich hat er noch nicht einmal gefragt.

Sei es wie es ist, mein Thema ist heute die Zeit, die seine Arbeit weit über Gebühr frisst. Nach seinen Worten tragen dafür zuallererst Sie die Hauptschuld, denn ein Abarbeiten aller Aufgaben und der von Ihnen veranlassten Aufträge sei innerhalb der vereinbarten Wochenstunden heute, morgen und auch übermorgen nicht möglich. Er verbringt deshalb den Samstag und den Sonntag nicht selten mit der Erledigung von Jobs, die liegen geblieben waren – statt zum Beispiel Rasen zu mähen oder mir beim Großeinkauf hilfreich und in „tragender“ Funktion zur Seite zu stehen.

Mein Mann und ich hatten einen Deal: Ein freier Abend pro Woche nur für mich. Angesichts der Tatsache, dass er nicht nur wegen der Arbeit an zwei Abenden fehlt, sondern auch wie selbstverständlich seinen freitäglichen, „heiligen“ Kartenabend mit Freunden beansprucht (nebenbei: warum eigentlich fallen an diesem Abend nie Überstunden an?), denke ich, dass mir dies zusteht.

Im Gegensatz zu vielen bekannten Ehefrauen, die hier eine nötige „Ich-Zeit“ (brauche ich nicht) ins Feld führen würden oder das wöchentliche Zumba-Training (brauche ich überhaupt nicht) oder einen Mädels-Abend (brauche ich nicht, mag ihn aber manchmal), ist es bei mir eher der perfide Sinn nach Gerechtigkeit, der meinem Mann sagt: Heute bist Du dran – mit Abwasch, Staubsaugen, die Kinder hüten und den Hund Gassi führen.

Ich bin zweifellos ein bescheidener und besonnener Mensch, der jedoch eine Sache nicht akzeptieren kann: Mein Mann hört mir nicht mehr zu! Sein stereotypes „Jaja“ und gedankenloses „Ach so“ als Reaktionen auf alle Themen unserer Ehe sind Floskeln, die jeglicher Diskussion den Spaß und jedem Streit die Würze nehmen. Dabei ist die genaue Befolgung von Arbeitsanweisungen (z.B. für Maler-, Reparatur- und sonstige Hilfsarbeiten) das Fundament einer jeden funktionierenden Beziehung. Keine Frage: Der Beruf meines Mannes zerstört genau dies.

Deshalb meine Bitte: Nur noch 36 Stunden Wochenarbeitszeit, natürlich flexibel. Dazu bei gleichzeitiger Erhöhung der Urlaubstage und des Gehalts ein gehöriger Anteil von Arbeiten, die wenig Einsatz und noch weniger „Hirn“ benötigen. Und ein Dienstauto ist seit Jahren überfällig.

Ich bin mir sicher, dass Sie den Ernst der Lage erkennen und meinen Bitten entsprechen. Dass meine Argumente stichhaltig und restlos überzeugend sind, dürfte Ihnen nicht verborgen geblieben sein.

Sehr geehrter Herr, werte Dame, sollten Sie mir – als Alternative – nach diesem Schreiben einen Job als Mitarbeiterin in gehobener Position anbieten, die sich durch hohe Eigeninitiative, Verantwortungsgefühl und Durchsetzungsvermögen auszeichnet, dann sollten wir darüber einmal persönlich sprechen. Mein Mann hätte sicher auch zuhause dauerhaft genügend Arbeit.

Hochachtungsvoll, …

Foto: Gerd Altmann auf Pixabay

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