Für Kerstin Skudrin, eine wunderbare Hoteldirektorin, die großzügig über meine Peinlichkeit hinweggelächelt hat.
Ich eigne mich nur bedingt für Geschäftsessen, was zuallererst daran liegt, dass ich zu solchen Terminen stets allein erscheine. Meine verehrte Ehefrau weigert sich nämlich konsequent, mich zu begleiten und ignoriert geflissentlich den Hinweis, dass der Rest der Gesellschaft nur aus Pärchen besteht. Ihr ist das egal, denn sie mag weder Fisch noch Meeresfrucht – und da solches Getier in einem mehrgängigen Menü immer gereicht wird, hat sie entschieden: Ohne mich!
Selbstverständlich verbietet mir die beste Ehefrau von allen, stattdessen mit einer attraktiven Kollegin zu gehen. Mein Hinweis darauf, dass diese Dame mir beim Essen die verhassten Tomaten abnehmen würde, stößt dabei auf taube Ohren.
Landen die Tomaten eben am Tellerrand. Das sieht wenig appetitlich aus, ist aber nicht die einzige Tragödie, die sich auf dem begrenzten Territorium meines Platzes im Rahmen eines Geschäftsessens abspielen kann – und kürzlich auch tat.
Nimmt man nämlich das Besteck von außen nach innen oder doch von innen nach außen – ich kann es mir vom einen auf das andere Mal nicht merken. Eine andere Frage, die sich mir gerne stellt: Bedeuten auf dem Teller gekreuzte Gabeln nun, dass ich fertig bin oder nur eine kleine Pause mache? Oder muss das Besteck parallel liegen? Die Erfahrung zeigt, dass der höfliche Ober und ich in den allermeisten Fällen verschiedener Meinung sind … und ich dann nicht richtig satt werde.
Ganz schlimm wird es schließlich, wenn ein Gespräch meine Konzentration vom Essen samt Besteck ablenkt. Wie zum Beispiel bei dem bereits angekündigten Fall, als ich mit einer Hoteldirektorin, ihrer Stellvertreterin und dem Assistenten an einem Tisch saß und wir über mögliche Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen für das Hotel diskutierten.
Es begann wie immer mit dem Begriff „360 Grad-Kommunikation“, den ich in die Runde warf. Der Blick auf den runden Teller befeuerte meinen Vortrag, der von der allseits bekannten Pressemeldung über den leidigen Newsletter bis hin zu den nervigen Aktivitäten auf den Sozialen Medien reichte. Das allgemeine Nicken meiner Tischgesellschaft bestärkte den Dozenten in mir, so dass ich ausführlich von der Notwendigkeit „guter Geschichten“ in jeder Form des Textens berichtete.
Erst mein Diktum, dass man sich vor allem über die Zielgruppe und deren Anforderungen informieren müsse, ließ den Assistenten die Stirn runzeln und räuspern. Seine leicht durchschaubare Motivation, seiner Chefin zu gefallen, wischte ich mit dem banalen „Der Köder muss dem Fisch und nicht dem Angler schmecken“ souverän zur Seite.
Das Lächeln der Hoteldirektorin interpretierte ich als Beifall, ich war zufrieden und in Fahrt. Jetzt hätten übrigens sowohl meine Frau als auch die Kollegin wirklich gestört.
Das Besteck von außen nach innen oder von innen nach außen? Egal Wen interessiert schon das Messer, wenn man wie ich gerade sein Lieblingsthema ausgiebig erörtert. In meinem Fall war ich zur Hauptspeise bei der „Kernaussage“ angelangt und dass das Finden derselbigen nicht nur für ein PR-Thema im Speziellen und ein Unternehmen im Allgemeinen gelte, sondern auch für jeden Menschen, der doch bitte … spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich stutzig werden sollen, dass das Messer für das vorzügliche Steak viel zu klein und definitiv zu stumpf war.
Während ich also hartnäckig säbelte, führte unser Gespräch zum Menschen, den jede Geschichte benötigt – und deshalb die Persönlichkeit der Direktorin viel mehr in den Vordergrund und gut sichtbar in jede Nachricht gerückt werden müsse. Das allerdings war ihr zu viel des Guten, denn ihre Bescheidenheit (und sachliche Professionalität) verbiete ihr genau das.
Ich wiederum wollte das ablehnende Zögern nicht akzeptieren. Und während ich Argument um Argument ins Feld führte, fuchtelte ich wild mit dem Suppenlöffel in der Luft herum. Er war mir als einziger für das köstliche, sehr filigrane Dessert geblieben – mit was nur hatte ich vorhin die Suppe gegessen?
Deshalb: Haben Sie heute noch ein Geschäftsessen? Dann passen Sie bitte auf Ihr Besteck auf.
Wer sich bei Messer, Gabel, Löffel und mehr ebenfalls unsicher ist, dem hilft vielleicht das kleine Bilderbüchlein „Gute Manieren. Ein kleiner Kinderknigge.“ weiter, das ich mit der besten Ehefrau von allen gedichtet hatte.
