My home Is my castle

Auf dem Klingelschild an unserem Haus steht „Krebs“, auf dem Briefkasten auch. Schlicht und schnörkellos, allerdings haben sich meine Frau und ich bei der Hausnummer eine Extravaganz geleistet: Die Zahl „16“ prangt nicht in Ziffern., sondern als Wort in Schönschrift an der Schlumpf-blauen Fassade (die Farbe kommt daher, dass … aber das ist eine andere Geschichte). Unsere beiden Söhne finden jedenfalls ebenso wenig Erwähnung wie unsere Vornamen oder der Titel „Familie“. Manchmal fühlen wir uns deshalb schlecht und schuldig.

Aber beginnen wir am Anfang – und einem Witz, mit dem unser US-amerikanischer Neffe Justin gerne mit einem Grinsen die bundesdeutsche Befindlichkeit und ihre Prioritäten beschreibt. Und zwar geht es um die Stufen beim Lernen der deutschen Sprache, die nach den Basics schnell zum zentralen Kern kommen:

„One week in Germany: This is me.

Two weeks in Germany: Das is me.

One month in Germany: Das bin ich.

One mouth and one day in Germany: Wo kann ich einen Bausparvertrag abschließen?“

Genau: Was dem Italiener der Maßanzug, dem Engländer das Königshaus und dem Franzosen die Haute Cousine sind, das ist dem Deutschen (sein Auto und) sein Bausparvertrag. Wenn wir nicht schon eines (oder wegen Erbschaft zwei oder drei) besitzen, dann wollen wir meist früher als später ein eigenes Haus und ziehen deshalb von den Großstädten weg, treiben „auf dem Land“ die Grundstückspreise in die Höhe, versiegeln Fläche, klagen gegen das Läuten der Kirche und fordern in Kindergärten & Schulen für unseren Nachwuchs eine Rundumbetreuung mit günstiger Bio-Verpflegung.

Wir richten uns häuslich ein, bauen deshalb mindestens eine Doppelgarage und entscheiden uns für einen hohen Zaun oder gar keinen, die seltsamerweise beide abschotten – und weil das Wort so schön passt, beinahe zwangsläufig an Schotterflächen angrenzen. Für das gute Umwelt-Gewissen leisten wir uns auf dem Dach eine Photovoltaik-Anlage, ärgern den Nachbarn mit einer überlauten Wärmepumpe und pflanzen einen Baum.

Wenn wir gesellig sind, stellen wir noch ein Bankerl neben die Tür, manchmal ist es aber auch nur ein schickes Garten-Accessoire. Wie überhaupt heutzutage gerne formschöne Deko-Stücke leblos die mit Zirkel angelegten Gärten zieren. Ich hätte es nie geglaubt, aber ich vermisse die putzigen und lustigen Gartenzwerge, die unter Büschen hervorlugten und manch Staudenbeet bevölkerten. Dafür gehört in jeden Hausstand mindestens eine Katze und natürlich auch ein Hund. Wir haben beides nicht, wir haben auch keinen Zaun, dafür aber vier Nistkästen.

My Home is my Castle. Es ist die triebhafte Sehnsucht nach Individualität, die dann plötzlich wieder gleich macht. Weil wir alle anders sind als die andern, ist der anders, der nicht anders als die anderen ist. Kapiert? Ich nicht, weil sich meine Gehirnwindungen gerade in einen Knoten gelegt haben.

Dabei sind Häuser und insbesondere Wohnungen meist Abbilder der gängigen Mode. Und was IKEA, Segmüller, XXL Lutz und Who´s Perfect gerade im Angebot haben, ist nicht nur mindestens 25 Prozent reduziert und ohne Mehrwertsteuer, sondern bestimmt auch unsere Einrichtung. Bilder, Möbel, Gläser, Pfannen – das Faszinierende daran: Jedes Stück gaukelt dem Käufer vor, er wäre im Trend UND einzigartig; ein Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt.

Meine Generation kennt diese Erfahrungen, die vermaledeiter nicht sein konnten: Kaum hatte man sich einen Impressionisten fürs Esszimmer gekauft, leuchteten die Sonnenblumen Van Goghs von der Wohnzimmerwand des Nachbarn. Die Katzen von Rosina Wachtmeister und das afghanische Mädchen mit den grünen Augen – sie durften in keiner Wohnung fehlen, ebenso wenig wie das Ledersofa von Rolf Benz. In der Küche standen die Teller von Villeroy & Boch, die Pfeffermühle hatte ein Porsche-Mahlwerk.

Vor allem wollten wir zeigen, dass wir es uns leisten konnten, was der genetischen Programmierung unserer Eltern zu verdanken ist, für die allerdings der Luxus vor allem noch beim üppigen Essen und Trinken seinen Ausdruck fand.

My Home is my Castle. In der ländlichen Region, wo bevorzugt noch Einfamilienhäuser EINER Architektin auf gleich großen Grundstücken die Siedlungen füllen, sind es gestern wie heute die Unterschiede im Detail, die den Anspruch nach Individualität erfüllen. Das vietnamesische Ziergras neben dem südamerikanischen Feuerstrauch, der Englische Spiel-Sport- und-Schatten-Rasen, der imposante Weber-Grill mit mannigfaltigem Zubehör, das Insektenhotel de luxe, umtriebige Rasenroboter und die Nistkästen in Bio-Imprägnierung, das Trampolin für die sportlichen Kinder – zum Glück haben alle Anbieter mittlerweile eine Modellvielfalt im Programm, die es im Umkreis von mehreren Kilometern erlauben, dass jeder was Besonderes sein eigen nennen darf.

Und sollte es trotzdem versehentlich zur Doppelung kommen, dann hat man … noch einen Bausparvertrag in Reserve, der gerade zur Auszahlung fällig geworden ist.

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