Mit der Hantel vor dem Spiegel

Als ich heute Morgen an die Schulterpresse ging und merkte, dass für mich 30 Kilogramm zu viel aufgelegt/eingestellt waren, fragte ich mich wieder einmal, warum ich es zulasse, dass man mir bereits um 6:30 Uhr meine Würde nimmt. Die Gewissheit, dass mein Vorgänger an diesem Fitness-Gerät 30 Zentimeter kleiner war als ich, machte die Sache nicht besser.

Zumal sich der eitle Bizeps-Knirps danach lässig auf das Spinning-Rad schwingt, während ich auf dem Crosstrainer wie ein überdimensionierter, pummeliger Gartenzwerg aussehe, der über eine imaginäre Wiese hüpft. Elegant sieht definitiv anders aus.

Eigentlich ein geselliges Kerlchen, bin ich im Fitness-Studio ein einsamer Mensch. Das trainierte Jungvolk zeigt aufreizend lachend seine Stärke an den Hanteln und dem Lat-Zug – und zollen den alten, ergrauten Bodybuilding-Löwen in der Runde den Respekt, den sich diese in millionenfachen Wiederholungen an der Langhantel und Brustpresse redlich verdient haben. Man ist unter sich, man bleibt unter sich, wohlwissend, dass Leute wie ich selten öfter als dreimal nach dem Neujahrestag hier auftauchen werden.

Nein, sie schauen nicht auf mich herab, lästern nicht über mich, sie ignorieren mich einfach. Und das tut weh.

Die beiden Einzigen, die sichtbare Freude über meine Anwesenheit zeigen, sind der Trainer und der Inhaber des Fitness-Studios. Während der eine das Erstellen meines individuellen Trainingsplans als willkommene Abwechslung zu seinen sonstigen Tätigkeiten zelebriert, zählt der andere leise lächelnd in Gedanken die Jahresbeiträge auf seinem Konto zusammen. Es gehört zum tatsächlich legalen Geschäftsprinzip eines Fitness-Studios, dass 1.000 Menschen mit guten Vorsätzen, aber wenig Ausdauer, das Vergnügen weniger Sportlerinnen und Sportler bezahlen.

Würden nämlich alle Mitglieder an einem Tag erscheinen, fände man in einer Hawesta-Dose mit Heringsfilets ohne Zweifel mehr Platz als im Fitness- Studio.

So aber habe ich freien Ausblick vom Crosstrainer, den die Marketing-Experten in meinem bevorzugten Studio Sky-Walker genannt haben. Ich trage dabei aus Gründen der Ästhetik gerne weite Hosen und noch weitere T-Shirts, im Gegensatz zu manchen jungen Damen, die in hautenger Montur gelangweilt an mir vorbei spazieren. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass das Schwitzen auf dem Crosstrainer die höchste Anstrengung im Studio ist, weit mühsamer aber ist es, den Mädchen in von Beinpresse, Beinstrecker und natürlich vom Herrgott modulierten Körpern NICHT nachzuschauen.

Einmal hatte ich es getan – und merkte erst zu spät, wie ich dabei beobachtet wurde. Von den Muskelpaketen vor dem Spiegel, vom Trainer und vom Fitness-Studio-Besitzer und natürlich von Frau Huber, meiner Nachbarin, die ich bis dahin nicht bemerkt hatte und die mich jetzt süffisant vom Ergometer drei Meter weiter geringschätzte.

Ich weiß nicht, warum ich es zulasse, dass ich mir bereits um 6:30 Uhr meine Würde nehme.

Bild von Walter Röllin auf Pixabay

 

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Kommentare

  1. Thomas

    Danke Bernhard für diesen Beitrag – hab mich sehr darüber amüsiert. Vor allem weil ich (vor kurzem) mit meinem Sohn ins Fitness-Srudio gegangen bin. Aber gut dass keine meiner Nachbarinnen anwesend war. Vermutlich weil ich abends war und weil ich mich gekonnt hinter meinem Sohn verstecken konnte 😉

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