Ich bin als gebürtiger, (erst!) 62 Jahre alter Oberpfälzer der Stellvertretende Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft/Ortsgruppe Burglengenfeld. Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte.
Es begann lange Zeit vor meiner Geburt, als meine Großeltern sowohl väterlicherseits als auch mütterlicherseits in der Nähe von Karlsbad ihr Leben lebten. Meine Oma Josefine brachte 1936 in Elbogen meinen Vater zur Welt, meine Oma Giesela 1939 in Chodau meine Mama. Obwohl beide Familien im Landkreis Elbogen (zur Stadt Elbogen gehörte auch Chodau) wohnten, sind sie sich nie begegnet. Das passierte erst Anfang der 1960er Jahre in Burglengenfeld, als mein Vater als Obermonteur der BBC das hiesige Zementwerk verkabelte, im sagenumwobenen „Café Rathaus“ meine Mutter traf … 1964 kam ich zur Welt, 1965 meine Schwester Karin.
Das Entscheidende dabei, zumindest für die 1. Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft: Ich bin mit Blick auf meine Ahnen ein Sudetendeutscher durch und durch.
Als Kind war mir das nicht bewusst, denn die eigenartigen Sprachverirrungen der Älteren waren mir vertraut, und das böhmisch-sudetendeutsche Essen mit Szegediner Gulasch, Egerländer Mehlkniadla, Kartoffelsalat aus Ellbogen (ganz wichtig: mit Apfel, Zwiebel, Essiggurke und Mayonnaise!), Buchteln, Liwanzen und böhmischen Mohnstrietzel und Kolatschen war so gut, dass ich als Kind schnell übergewichtig wurde. Da wir nicht so oft ins Gasthaus gingen, fiel mir es auch nie sonderlich auf, dass unser Essen daheim anders war als die bairische Hausmannskost.
Als mein Großvater sein Café Krebs in Kelheim noch hatte (und wir dort auch wohnten), gehörte es schließlich dazu, dass er und seine Frau hin und wieder zu Treffen der Eghalanda Gmoin und der Schlaggenwalder Landsmannschaft fuhren – ebenso, dass ihn häufig Mitglieder und vor allem sein Bruder und seine drei Schwestern samt Familien besuchten. Dabei wurde – während meine Oma aufkochte – immer sehr viel gegessen, sehr viel sogar.
Dass für die Kriegsgeneration und vor allem auch für die Vertriebenen das Essen so wichtig war, habe ich erst viel später verstanden. Denn ich musste nie hungern.
1983 begegnete ich als 19jähriger erstmals ganz bewusst der Sudetendeutschen Landsmannschaft außerhalb meiner Familie. Ich begann gerade meinen Job als freier Mitarbeiter bei der Mittelbayerischen Zeitung und wurde zur Jahreshauptversammlung der Ortsgruppe geschickt. Das Durchschnittsalter der überschaubaren Zusammenkunft lag weit über 70 Jahre – als ich zurück in die Redaktion kam, meinte ich jugendlich-despektierlich zum Redaktionsleiter, dass es diesen Verein wohl nicht mehr allzu lange geben werde.
Das war vor 43 Jahren. In Worten: Vor dreiundvierzig Jahren.
Mit dem Tod meiner Großeltern und weil meine Eltern wenig bis gar nichts mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft anfangen konnten, verlor ich jene knapp 20 Jahre wieder aus den Augen. Bis eines Nachts ein Cousin meiner Mutter, der Orthopäde und legendäre „Klapper-Doktor“ (Genau, der Name war Programm) Dr. Heribert Peter anrief und meinte: „Ab sofort bist du Mitglied in der Landsmannschaft, die ersten fünf Jahre zahle ich.“ Dann legte er wieder auf.
Wie ich später erfuhr, war ich Opfer eines Rundumschlags des neuen 1. Vorsitzenden, der mit der harschen Rekrutierung in seiner Verwandtschaft und in seinem Freundeskreis für einen spontanen Mitgliederanstieg der Landsmannschaft sorgte. Dr. Heribert Peter trat ein Jahr später wieder ab, mein Onkel und ich sind immer noch Mitglied. Und wir wurden 2012 für 15 Jahre Mitgliedschaft geehrt. Nächstes Jahr feiern wir „Silberne“ mit den Sudeten – und werden uns weiterhin hartnäckig gegen die ausdauernden Bemühungen der aktuellen 1. Vorsitzenden wehren, ihre Nachfolger zu werden.
Ich gehe selten, aber wenn, dann gerne zu den Veranstaltungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Weil ich ein sentimentaler Mensch bin und weil mich einige Damen an meine Oma und meine Großtante erinnern. Das und der immer zum Kaffee gereichte Mohn-Quark-Streuselkuchen (aber erst, nachdem die 1. Vorsitzende ihren Bericht abgegeben hat) ist immer ein Stück „Heimkommen“.
Zuweilen denke ich dann, dass es den Verein nicht mehr lange geben wird … oder dass in 43 Jahren … wer weiß.
P.S.: “Komm, wir fahren ins Sudetenland“ heißt ein kleines Büchlein, das ich mit der wunderbaren Illustratorin Franziska Oelke entwickeln durfte.
