Im Vergleichstest.

Aufreizend glückliche Glücks-Coaches, bedeutsam blickende Psychologen und all ihre wunderbaren Ratgeber, die sich gedruckt und online über Zuspruch & Absatz freuen, finden irgendwann im kleinsten gemeinsamen Nenner auf dem Weg zu umfassender Zufriedenheit zusammen: Vergleiche dich nicht mit anderen!

Denn, wer sich vergleicht, der … und dann werden dem geneigten Glücksuchen die mannigfaltigen Erklärungen der unterschiedlichsten Glückschulen um seine tauben Ohren gehauen.

Ha! Wenn es denn so einfach wäre!

Im Gegenteil machen wir tagein tagaus nichts anderes als uns zu vergleichen; es gibt sogar Menschen, die behaupten, dass erst der permanente Vergleich zu Entwicklung und Fortschritt und letztlich Erfolg führe. Ein Gedanke, der etwas für sich hat, solange man den allgemeinen Konsens, was man unter den drei Begriffen verstehe, nicht in Frage stellt.

Ich zum Beispiel interpretiere gerne Erfolg als gemütlichen Platz auf einem schönen Bankerl & einen Fortschritt, wenn ich mich mit demjenigen, der neben mir sitzt, nicht unterhalten muss und mich trotzdem wohl fühle … aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn die beste Mutter von allen darüber klagt, dass andere es besser als wir hätten, versuche ich, sie zu trösten: „Mach´ Dir nichts daraus, wir sind anders.“ Und wir leben eben nicht so, was andere unter „altersgerecht“ verstehen. Andere sind schlanker, reicher, gesünder, von vielen tollen Urlauben erholter, immer günstiger lebend, besser ausgestattet (wir haben immer noch keinen Thermomix!), besser motorisiert, nachhaltiger (wir haben immer noch kein E-Auto!), kreativer, sportlicher (wir spielen immer noch nicht Golf!) und vor allem beliebter – die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

„Mach´ Dir nichts daraus, wir sind anders.“ Je nach Tagesform pflichtet meine Frau mir energisch bei oder schüttelt einfach nur den Kopf. Kürzlich habe ich sie dabei ertappt, wie sie die mittlerweile verstaubten Partnerschaftsseiten der Tageszeitung studierte und vor sich hinmurmelte „Vielleicht liegt es ja nicht an mir, sondern am Mann“. Weil ich meine Frau liebe, habe ich panisch sofort eine erste Vergleichsanalyse ihres derzeitigen Mannes, also mir, angestellt.

Finanzieller/ Luxus-Vergleich. Er ist für die allermeisten Menschen besonders wichtig, weil so offensichtlich. Wenn ich mich also in meinem Bekanntenkreis mit größeren Häusern, größeren Autos und überhaupt lauter größeren Sachen so umsehe, sollte ich mir einen anderen Bekanntenkreis aussuchen, damit ich besser wegkomme.

Sportlicher Vergleich. Dass mein Jungs, seitdem sie 13 sind, mir nicht nur davonlaufen, sondern auch mangels väterlicher Qualität nicht mehr mit mir Tennis spielen wollen, ist das eine. Als ich gestern jedoch beim Volley-Ball-Aufschlag an der Höhe des Netzes mehrfach scheiterte, während meine Frau … ab morgen beginne ich mit einem intensiven Trainingsprogramm.

Attraktivitätsvergleich. Ich mache nicht den Fehler, mich mit Jüngeren zu messen, aber es gibt leider auch in meinem Jahrgang noch echte Schnittchen. Ich bin leider keines. Und wenn meine Frau dann beruhigend sagt „Zumindest bist du interessant“ klingt das nicht nach einem Kompliment.

Souveränitäts-Reife-Vergleich. Hier wird es richtig schlimm. Ich bin weder souverän noch reif und weise schon gleich gar nicht. Und auch wenn ich mir die jugendliche Spontanität und die kindliche Unbekümmertheit schönrede, so ist es doch nur ein verzweifelter und sehr erbärmlicher Versuch es zu leugnen: Er hat einfach nicht funktioniert, mein Reifungsprozess. Dass er noch geschehen wird – das kann selbst ich mir nicht mehr schönreden.

Sympathie-Vergleich. Ich persönlich bin ja der Meinung, dass ich unglaublich sympathisch und nett bin. Diverse Rückmeldungen – selbst von Familie und Freunden – relativieren allerdings dieses Selbstbild.

Freundes-Vergleich. Ich habe welche. Nicht viele. Aber die mag ich wirklich. Andere haben mehr. Viel mehr. Ich hätte dazu weder die Zeit noch die Energie.

Beruflicher Vergleich. Ich bin selbstständig, arbeite mehr als 50 Stunden die Woche und liebe meinen Job. Meistens jedenfalls. Ergo: In dieser Disziplin scheue ich keine Vergleiche.

Privater Vergleich. Eine wunderbare Frau, zwei prächtige Söhne, eine geliebte kleine Schwester mit klasse Gatten & einer rundum gelungenen Tochter, zwei richtig coole Onkels – und auch hinsichtlich angeheirateter Verwandtschaft hätte ich es nicht besser treffen können. Noch ein Punkt also für mich, wenn nicht sogar zwei.

Doch genug mit profanen Betrachtungen, packen wir die „Vergleicherei“ mal philosophisch an;

„Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Alles Gute muss man mit etwas Schlechtem bezahlen. Auch die Glücklichen müssen sterben.“ Auch wenn zumindest Letzteres stimmt, verweigere ich mich dieser beliebten Litanei, die eigentlich nichts anderes ist als schlecht vertuschter Neid.

Oh ja, ich habe viele Fehler, sehr viele sogar. Und von den Sieben Todsünden habe ich fünf nicht ausgelassen und werde von der einen oder anderen immer wieder erfolgreich in Versuchung geführt. Von Avaritia (Geiz) und Invidia (Neid) bin ich aber – ohne mein Zutun – verschont geblieben. Dafür danke ich dem Herrgott

Ob ich ihm allerdings dafür danken sollte, dass ich viel zu häufig über das Leben und seine Mühsal nachdenke, das mag ich zu bezweifeln (Verzeih!). Auf der Suche nach einem Sinn, der als schönen Nebeneffekt das Vergleichen überflüssig machen würde, greife ich dabei seit nunmehr 40 Jahren zum Buch „Der Mythos von Sisyphos“.

Dass der unglaubliche Albert Camus darin behauptet, dass man sich dem Absurden nicht entziehen kann, war mir sofort einleuchtend. Aber dann wird es schwierig: Im Dreiklang „Erkennen, Annehmen und Revoltieren“ findet Sisyphos beim Runterlaufen, um den Stein wieder den Berg wieder hinaufzurollen, die Freiheit als selbstverwirklichter absurder Mensch.

Ich habe es nie kapiert (manchmal zugegebenermaßen ganz leicht gefühlt), vielleicht hat mich auch schon immer die Selbstverwirklichung gestört – jedenfalls behaupte ich dreist angesichts des grausamen Realität, die sich mit meinen emotionalen Unzulänglichkeiten zum Alltag meines Lebens vereint: Mach dir nichts vor Sisyphos und hol lieber den Stein.

Und willst du dem Glücks-Coach folgen, machst du nur einen glücklich …. genau 😉.

(P.S.: Das Foto ist übrigens eins mit meinen Freunden, die es sind, obwohl ein Vergleich mit ihnen nicht unbedingt zu meinen Gusten ausfallen würde.)

 

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