Die Meisen und ich…

Ob ich ein echter Naturbursche bin? Ich glaube nicht, denn dazu fehlt mir das Drahtig-Kernige, das den Mann der blühenden Wiesen und dunklen Wälder, der sprudelnden Bäche und stillen Seen auszeichnet. Während jener mit kurzer Zip-Khaki-Hose und kariertem Hemd die lebendige Umgebung kundig erforscht, tut mit schon nach wenigen Minuten das Kreuz weh, wenn ich am Boden, auf einem Baumstamm oder auf einem Stein sitze.

Geschmeidig in die Hocke zu gehen, um Krabbeltier am Boden zu beobachten, scheitert bei mir bereits an den verkürzten Achillessehen. Sie verhindern, dass meine ganze Sohle am Boden bleibt – und ich folglich gerne umkippe, sobald ich die „Hocke“ versuche. Also lasse ich es bleiben und habe mir für das unvermeidliche Jäten der Beete am Boden (ich kann ja schlecht überall Hochbeete aufstellen) eine Unterlage besorgt, auf der ich halbwegs schmerzfrei knien kann.

Mein Garten lehrt mich jeden Tag aufs Neue eine seltsame, nichtsdestotrotz innige Kombination aus Scheitern und Glückseligkeit, aus Demut und Schöpferekstase, aus Alleinsein und Gemeinsamkeit, aus Neugier und Stoizismus, aus Arbeit und Müßiggang. Ein Garten ist immer alles gleichzeitig, was einen nicht überfordert, wenn man es und sich einfach stehen, schauen und sitzen lässt.

Ich habe mir zum Beispiel die Frage gestellt, ob ich die Namen der Pflanzen in meinem Garten lernen muss. Oder auch wissen sollte, wie das kreuchende, fleuchende und fliegende Getier heißt, das mich dort umgibt. Ich habe mich dagegen entscheiden.

Wir kommen auch ohne persönliche Vorstellung ganz gut miteinander aus.

Oder auch nicht, wenn der Eichenprozessionsspinner in Prozessionen an unseren Eichen spinnt, der Buchsbaumzünsler am Buchsbaum zünselt, die Nacktschnecken frivol-klebrig ihre Spuren ziehen und die Mücken mir scharenweisen stechend & saugend ihre Zuneigung zeigen.

Meinen Frieden geschlossen habe ich dagegen mit den Ameisen, Blattläusen, Raupen, Vögeln und allen anderen tierischen Feinschmeckern, die alljährlich ihren Anteil an Kirschen, Zwetschgen, Beeren und Äpfeln einfordern – und auch bekommen. Etliche Jahre führte ich mit allerlei Mitteln einen vehementen Abwehrkampf. Vergeblich. Heute pflege ich des Gartlers Demut und freue mich schon über die eine Erdbeere und die beiden Kirschen, die mir bleiben.

„Im Alter wird man seltsam.“ Das behauptet die geliebte Ehefrau, wenn sie mich anschaut – und sich daran erinnert, dass ich manche Eigenart ihrer Eltern angenommen habe. Ich beobachte zum Beispiel mit Hingabe, aber absolut absichtsfrei Vögel bei ihrem Tun oder Nicht-Tun. Die Meise zum Beispiel auf dem Ast an der Eiche vor unserem Fenster hält es ebenso lange wie ich aus, regungslos da zu sitzen. Manchmal pfeift sie dann, ich tue es nicht.

Dafür habe ich an jeden Baum in unserem Garten einen Nistkasten gehängt. Für die Meisen, weil sie angeblich den Eichenprozessionsspinner auf ihrem Speiseplan haben, und weil die Amseln sich auch ohne einem, von mir zur Verfügung gestellten, Zuhause in meinem Garten ausgesprochen wohl fühlen. Und frech sind sie, die Amseln, die in meinen Beeten nach Würmern buddeln.

Ich sitze gerne auf einem Stein oder auf einer Bank in meinem Garten, weil: Wegen den Ameisen mag ich nicht – einfach so – im Gras liegen. Weil sie auf mir herumkrabbeln und es mich dann auf der Haut juckt, was allerdings auch am Gras liegt. Das stört mich tatsächlich weit mehr als die Tatsache, dass ich mich regelmäßig an den Dornen der Rosen steche. Da steckt irgendwie Gartenarbeit dahinter, beim anderen ist es nur Faulenzerei.

Und dafür möchte ich nicht bestraft werden, was, wie ich weiß, nicht ins Credo unserer Leistungsgesellschaft passt. Egal, denn im Gegensatz zu mir arbeiten die Bienen und Hummeln in

Mit den Hummeln bummeln
Mit den Hummeln bummeln

meinem Garten und an den Blumen ohne Unterlass. Und ich beobachte sie dabei ebenso wie die quirligen Schmetterlinge aller Couleur, die schillernden Libellen und die hüpfenden Grashüpfer. Und wenn ich Glück habe, schleicht sich eine Blindschleiche an mir vorbei.

Ein Satz, dem ich vor Jahren begegnet bin und den ich liebe: Ich gehe jetzt mal in den Garten um mit den Hummeln zu bummeln.

Und wenn ich mit dem Bummeln und Schauen fertig bin, fülle ich die Vogeltränke auf und kaufe schon mal vorsichtshalber Vogelfutter für den kommenden Winter. Außerdem muss ich mir noch überlegen, wo und wie ich einen Unterschlupf aus Totholz und Keramikscherben kaputt gegangener Blumentöpfe baue. Ich will vorbereitet sein, wenn die Igel mich brauchen.

Währenddessen schüttelt die geliebte Ehefrau resigniert den Kopf: „Im Alter wird man seltsam. Mein Mann besonders.“

Twitter
Visit Us

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Back to Top
Twitter
Visit Us