Sie kennen doch sicherlich ….

Wenn meine Mama und mein Opa gemütlich am Tisch beisammensaßen, dann konnte es schon mal vorkommen, dass im Rahmen des fröhlichen Tratsches die verschiedensten Namen hin und her geworfen wurden. Meine Mama kannte sehr viele Leute in der Stadt, mein Opa kannte den Rest. Und beide kannten wohl alle Einwohner Burglengenfelds, zumindest hatte ich das Gefühl.

Ich kannte keinen. Auch, weil ich mir Namen nur sehr schlecht merken kann.

Nebenbei bemerkt: Als Kind hatte ich mit meinem Nachnamen häufig sehr gehadert, animierte er doch die Gleichaltrigen zu dessen Verballhornung („Schepsi, Pepsi“) oder zu Vergleichen aus dem Tierreich. Ich habe sehr früh damit aufgehört zu zählen, wie oft ich „Gehst du auch rückwärts wie ein Krebs?“ gefragt wurde. Seltsam, dass dies jeder für eine originale und originelle Idee hielt. War sie aber nicht.

 Als Erwachsener dagegen war ich froh um den Nachnamen. Man merkt ihn sich – dumm nur, wenn ich auf ein „Hallo, Herr Krebs“ nur stammeln kann, weil ich mir den Namen des Gegenübers eben nicht gemerkt habe. Hieß er Meier, Müller oder doch Schmid?

Zurück zu meiner Mama und meinem Opa – UND meinem Problem: Sie haben es nämlich nie bei ihrer vis-à-vis-Kommunikation belassen, sondern wollten mich häufig mit einbeziehen. Um die unzähligen Varianten der verbalen Nötigung in drei kurzen Sätzen zusammenzufassen: „Die Frau Meier, die kennst du doch. So eine Kleine, etwas Mollige, mit grauen Haaren, die in der Vorstadt wohnt. Sie ist die Schwester von der großen Frau, die immer am Wochenmarkt vor dem Käsewagen steht, und außerdem befreundet mit der Oma deines Freundes, wie heißt er noch?“

Das sehr Anstrengende dabei: Weder Mama noch Opa akzeptierten mein zuerst lapidares, dann zunehmend verzweifeltes „Kenne ich nicht!“. Im Gegenteil schwang bei ihnen angesichts meiner Ignoranz unverhohlene Verärgerung mit, wenn selbst ein „Du wirst doch noch an Frau Meier erinnern. Sie hat dich immer im Kinderwagen herumgeschoben“ mir nicht auf die Sprünge half.

Mama und Opa sind längst tot, dennoch verfolgen mich nach wie vor ähnliche Situationen. Und bis heute mag ich nicht mit Einheimischen zusammensitzen, die über andere Einheimische reden – und mich plötzlich mit einem „Den kennst du doch!“ konfrontieren. Dabei bin ich mir sicher, dass ich der besagten Person schon über den Weg gelaufen bin, sie sogar kenne, aber mich eben weder an ihren Namen erinnere noch sie in meinem Kopf aufgrund ihrer Gestalt, ihrer Bekanntschaften oder ihrer Verwandtschaftsverhältnisse identifizieren kann.

Und manchmal beneide ich Menschen mit ausgezeichnetem Namensgedächtnis. Denn ich weiß, dass persönliche Kontakte allein schon dadurch positiv stimmen kann, indem man den Gegenüber mit seinem Namen anspricht. Es ist eine Fähigkeit von erfolgreichen Unternehmenschefs und Politikern, die auf die Loyalität ihrer Leute bauen müssen. Angeblich konnte sich Altbundeskanzler Helmut Kohl jeden Namen merken, was ihm eine perfekte Basis bis hinunter zur Partei-Kreisebene garantierte.

Ich habe keine Basis, denn ich kenne niemanden.

Dies zeigt sich auch in gänzlich anderem Zusammenhang: Einige Bekannte, allesamt sehr kunst- und kulturbeflissen, gehen in meiner Gegenwart ihrer liebsten Beschäftigung nach, dem Name-Dropping, was heißt: Weil ich früher studiert habe (ist aber so lange her, dass davon nur noch die wirklich Alten wissen) und angeblich auch mal Kulturredakteur (sehr kurz) und Kulturreferent (nicht ganz so kurz) war, lassen sie mir gegenüber gerne Namen von modernen Literaten und noch moderneren Künstlern, von angesagten Büchern und Ausstellungen, von wichtigen Leitartikeln und inspirierenden Filmen fallen – unter der Annahme, dass ich sie kenne.

Tue ich aber meistens nicht. Und ich bin mir ein ums andere Mal nicht sicher, ob solche Situationen ein Akt der intellektuellen Verbrüderung sein oder mir einfach nur unter die tumbe Nase reiben sollen, wen sie kennen und ich nicht. In größeren Gruppen bin ich dann schnell „raus“, während das Name-Dropping häufig eskaliert und ich mir begeistert denke, welch weltgewandte und in höchste Künstlerkreise vernetzten Bekannten ich doch habe.

Ich kenne dagegen nur einen, der einen kennt, der wiederum mit der Schwester von einem anderen verheiratet war und jetzt ….

(Das Foto wurde übrigens 1993 in der Burglengenfelder Redaktion der Mittelbayerischen Zeitung geschossen, als ich jemand zu erreichen versuchte, den ich nicht kannte)

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