Campen …. oder über die Entschleunigung

Um einem Missverständnis vorzubeugen. Ich schreibe hier nicht von den letzten Abenteurern unserer Tage, die mit Wandergitarre, frierend, Dackelgarage (nicht regenfest) am Straßenrande, der Sonne und der Freiheit entgegen ziehen, um am Abend bei einer aufgewärmten Dose Ravioli mit verträumtem Blick ins lodernde Lagerfeuer über den Sinn des Lebens zu sinnieren.

Ich schreibe von Campingplätzen, die mit dem versifften Zelten vergangener Tage so viel gemein haben wie ein rostiger Tretroller mit einem frisch polierten Porsche Cayenne. Meine Campingurlaube im Luxus-Zelt finden in weiträumigen Anlagen mit Pool-Landschaften statt, die jedem Freizeitpark zur Ehre gereichen würden. Hier gibt es eine funktionierende Infrastruktur, Restaurants und Minigolf, diverse Shops und ein Animationsprogramm 24 Stunden am Tag sieben Tage die Woche.

Die Kombination von gepflegter Camper-Romantik in Badeshorts und modernem Glitzer-Highlife manifestiert sich abends beim allgemeinen Kinder-Tanz zum „Roten Pferd“, wenn inmitten von Vätern in Jogginghosen und Mütter in luftigen Trägerkleidern, die ihren Nachwuchs beklatschen, eine Frau mit gespreizten Fingern auf ihrem Smartphone tippt und wischt …  in High-Heels und aufreizendem Leoparden-Zweiteiler, kunstvoll geschminkt mit feuerroten Lippen.

Ein Campingurlaub ist immer auch ein Sprung zurück in der Evolution und zu den Anfängen menschlicher Gemeinschaft: Einmal am Tag wird gejagt, und zwar im Supermarkt. Und wie immer gibt es die Amateure und die Profis – die einen kaufen überteuert am Markt im Campingplatz ein, die anderen viel günstiger bei Aldi im nächstgelegenen Dorf.

Ich gehöre zu denjenigen, die zu viel zahlen, was mir herzlich egal ist. Nicht, weil ich es mir leisten kann, sondern weil ich von der ersten Stunde des Campingurlaubs an maximal „entschleunigt“ bin. Man hat und man nimmt sich Zeit für die Erledigungen des Alltags: Waren zum Beispiel Kochen und Spülen zuhause noch Aufgaben, die man nicht mag, so sind sie jetzt willkommene Abwechslungen.

Spätestens mit zwei kleinen Jungs muss man die Entscheidung zwischen ansteigender Hysterie und stoischer Gelassenheit fällen, denn: Einer von den beiden muss immer aufs Klo. Und weil sie zu klein sind und Radler und Rollerfahrer die Wege unsicher machen, ist der Vater die von der Mutter abgeordnete Begleitung zu den entfernten Sanitäranlagen und zurück. Und weil kleine Jungs viel am Wegesrand sehen und eingehend Kieselsteine oder sonstiges Zeuch studieren müssen, dauert es, zumal die beiden Söhne immer abwechselnd aufs Klo müssen.

Ich antworte deshalb immer auf die Frage, was ich im Urlaub so gemacht hätte, mit: Ich war auf dem Weg zum Klo und wieder zurück.

Und irgendwie ist es gut so.

Bild von HarryStueber auf Pixabay

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