Eine kurze Geschichte des Faschingsballs

„Witzigkeit kennt eine Grenzen.“ Nie traf die Zeile eines Liedes von Hape Kerkeling so sehr die Seele einer Volksgruppe wie in den goldenen Zeiten der 70er und frühen 80er, als die vielzitierte ländliche Region bei ihren Faschingsbällen die „Sau rausließ“, und zwar nicht nur im übertragenen Sinne.

Allein in der damals noch beschaulichen Kleinstadt Burglengenfeld gab es in der närrischen Saison gefühlt 20 Bälle, die in der ASV-Turnhalle oder im Pfarrheim St. Michael manchmal schwarz-weiß (CSU- und Blumenball), aber meistens recht bunt gefeiert wurden. Wobei sich die Kostümierungen damals gerne auf einen lustigen Hut und ein lustiges T-Shirt beschränkten. Manche Dame warf noch zum Glitzerkleid die Federboa gewagt um die Schultern, die Herren gaben bevorzugt einen Cowboy, einen Clown oder einen Sträfling – im Vergleich zur heutigen Flut von Ganzkörperverkleidungen scheint das langweilig, war aber definitiv billiger.

Ach ja, und Männer als Frauen verkleidet, waren damals (wie heute) der Brüller.

Meine ersten Erfahrungen waren indirekter Natur. Es waren meine Eltern, die mit Freunden fröhlich zum Faschingsball aufbrachen und frühmorgens mit einer, uns zu Teilen unbekannten Meute nicht nur lärmend meine Schwester und mich aufweckten, sondern sich auch über die von Mama bereits am Tag zuvor bereitete Gulaschsuppe hermachten. Für uns Kinder folgte ein langweiliger Sonntag, denn wir mussten still sein, während unsere Eltern auf dem Sofa schliefen.

Nach einem kurzen Intermezzo als 15jähriger Garderobier und als 16jährige Thekenkraft im hinteren Bereich (aus einer Kiste Weizen schenkt man locker 22 bis 24 Gläser aus), war ich dann mit 17 Jahren endlich so weit: Als Clown auf meinem allerersten Ball.

Ein kleiner, spätpubertärer Exkurs: Wer als männlicher Jugendlicher weder der Aufreißer in der örtlichen Disco war noch im Sportverein es wegen der spöttelnden Mitbewerber oder im Freibad angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit wagte, sein Single-Dasein forsch zu beenden, dem blieb nur ein ZEITFENSTER für sein amouröses Erblühen: Die Faschingsbälle.

Es dauerte genau einen Walzer, einen Foxtrott und eine Rumba lang, da wusste ich, dass sich der Tanzkurs im Jahr zuvor nicht nur gelohnt hatte, sondern elementar für den zwischenmenschlichen Erfolg war. Denn: Damen tanzen gerne. Und wer sich halbwegs gut im Takte zu drehen (das können wirklich nicht viele) und die Tanzpartnerin zu führen (das können noch weniger) weiß, der erhält auch seltener einen Korb, wenn er ein hübsches Mädchen „auffordert“.

Im Gegensatz zur Generation meiner Eltern waren damals die jungen Männer nicht verpflichtet, jedes weibliche Wesen am Tisch aufzufordern – ein gesellschaftliches Prinzip, das übrigens bereits seit geraumer Zeit der Vergangenheit angehört. Heute tanze ich mit meiner Frau und nur mit ihr.

Zurück zum vorzeitlichen Tanzen auf Faschingsbällen, das – wenn man ehrlich ist – nur einer Mission diente: Man entführte die Tanzpartnerin nach einer „Runde“, die drei Tänze lang dauerte, in die Bar. Und die war sowohl in der ASV-Turnhalle als auch im Pfarrheim vor allem … dunkel. Im Gegensatz zu den heutigen Neonlicht-Versionen des hochprozentigen Ausschanks kam man sich hier gerne näher, über den Rest legen wir den Mantel der Diskretion…

Auf meinem ersten Ball fand ich meinen ersten Kuss und meine erste Freundin.

In der Bar wurde es dann etwas teuer, denn ‚ganz Gentleman‘ lud man seine Begleitung ein, nicht selten traf man auch Freunde und gab einen aus, nachdem man selbst einen ausgegeben bekommen hatte.

Buli-Buli-Ball 1981
Buli-Buli-Ball 1981

Und man trank Sachen, die ich seitdem nicht mehr getrunken habe: Allen voran das „Rüscherl“ (Asbach Cola), gefolgt vom „Jacky Cola“ und einem „Wodka Lemon“. Apfelig wurde es beim „Thommy“, die Farbenfrohen unter uns genehmigten sich einen „Curacao Blue mit O-Saft“, der im Glas grün leuchtete. Dass man als junger Mensch nicht gänzlich bankrott die Bar und später den Ball verließ, lag am älteren Onkel, an den Freunden der Eltern, am Lehrer und am Abteilungsleiter des Sportvereins, die generös einen oder zwei Mixgetränke spendierten.

Dafür bekamen sie die freundliche Aufmerksamkeit der Jugend, mit diesem Deal waren beide Seiten an solchen Abenden sehr zufrieden.

Zurück im Ball-Geschehen standen die Schunkel-Runden auf dem Programm. Eingehakt am Tisch bewegte man sich „auf und nieder, vor zurück“, fühlte sich grölend wie ein „kleiner Gardeoffizier“ und wusste singend, „wo des Zigeuners Aufenthalt“ ist. Die Stimmung war jetzt so ausgelassen, dass man im Anschluss auf dem Buli-Buli-Ball“ den Gardetanz der Burgritter und auf dem Piratenball den Auftritt der Wasserwacht begeistert beklatschte.

Eine Faschingsball-Saison wurde alljährlich beschlossen mit dem „Kehraus“, in dem die Burgritter pünktlich um Mitternacht mit Tonnen von Konfetti den Fasching beerdigten. Es war ein Ritual, das keiner versäumen wollte…

… und von dem man noch Tage und Wochen lang etwas hatte, als man plötzlich – egal wo – ein Konfetti fand.

Epilog: Mitte der 1980er starb ein Faschingsball nach dem anderen, erst in den frühen 2010ern erlebte der Piratenball in Burglengenfeld eine fulminante Renaissance. Und zehn Jahre später ist auch der Buli-Buli-Ball wiederauferstanden. Es wird nicht mehr geschunkelt, dafür fahren alle „mit dem Bob“. Und statt Standard wird heute auf der Tanzfläche gehüpft. Spaß macht es trotzdem.

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