In meinem Leben verbrachte ich den Heiligen Abend insgesamt zweimal allein. Das liest sich viel trauriger als es war, denn beide Male war vorher etwas zerbrochen und waren die Abende so ruhig, wie es mir damals guttat. Hemden bügeln statt erklären, Fernsehschauen statt nachdenken, Brotzeit statt Menü, sandeln statt vorbereiten. Aber: Auch an diesen Abenden habe ich nicht auf die Kiste „Weltenburger Dunkel“ verzichtet, die mir mein Vater so viele Jahre als Weihnachtsgeschenk überreicht hatte.
Heute schenke ich mir die Kiste selbst, tarne es ungeschickt als Präsent für die Jungs und als Fortführung einer Familientradition – und lass mir an Weihnachten mindestens zwei Halbe schmecken. Die Jungs, Noah und Merlin, bevorzugen Spezi und „Mischen“, Susanne eine Weißweinschorle. Wir treffen uns dann am Ende des Raclettes beim Ouzo.
Jedenfalls bestätigte mich die doppelte Heilig-Abend-Erfahrung „allein daheim“ darin, was ich schon immer vermutet hatte: Ich komme ganz gut nur mit mir zurecht.
Die Dialektik meines Seins bedeutet allerdings auch, dass ich gerne mit Menschen zusammen bin, womit ich abermals zu Weihnachten komme. Eines der größten Geschenke (nach der Familie überhaupt) ist es nämlich, mit der Familie, mit Verwandten und mit Freunden zusammenzusitzen. Ich genieße die entspannte Atmosphäre, wenn keiner eine Rolle spielen muss, sondern Vertrautheit über die Eigenheiten und Fehler der anderen hinweglächelt. Ob sich jemand „vertraut“ anfühlt, hat dabei nicht automatisch etwas mit der Länge einer Beziehung zu tun, es kann aber helfen.
Zuhören. Schauen. Essen und Trinken. Ich mag diese nicht unbedingt heilige, aber mir persönlich sehr wohltuende Dreifaltigkeit an Weihnachten. Ich bin dann gerne gnädig mit den anderen und mir, mein täglicher Vorsatz „Nicht urteilen und nicht empören“ gelingt unterm Weihnachtsbaum meist gut. Am Heiligen Abend bin ich aus Überzeugung ohne Erwartung und ohne Meinung, was mich milde macht.
Ich liebe es, mit humorvollen Menschen Zeit zu verbringen, die frotzeln können, ohne gemein zu sein. Wie immer im Leben kommt es auch hier auf eine ausgewogene Verteilung an, oder einfach gesagt: Wer austeilt, muss auch einstecken können.
Und wohlwollend höre ich mir gerne die immer gleichen Geschichten an – insbesondere die alten Erinnerungen, als die Toten noch lebten und mit uns Weihnachten feierten. Dann darf es auch mal melancholisch werden, solange es sich mit einem Schmunzeln verbindet.
In diesem Jahr sitzen am heiligabendlichen Raclette-Tisch neben Susanne, Noah und Merlin einmal mehr Onkel Roland und erstmals mein ältester und bester Freund Markus mit mir zusammen. Ich freue mich darauf – und ich werde traditionell auf alle jene einen Becherovka trinken, die es gut mit meinen Liebsten & mir meinten und meinen. Danke euch allen!
Frohe Weihnachten und ein freundliches Neues Jahr!
