Ein Abend unter medizinischen Experten

Fragen Sie mich bitte nicht, warum, aber ich bin seit einiger Zeit öfters auf einem Seniorennachmittag. Oder auf einer Geburtstagsfeier, deren Hauptperson mindestens seinen 80sten feiert. Beides tut mir nicht gut, denn ich bin ein mittelschwerer Hypochonder, in dessen Körper gerade akut alle Systeme zusammen brechen.

Erst kürzlich war ich zu einer Goldene Hochzeit eingeladen und durfte im leer geräumten Wohnzimmer des Jubelpaares am Biertisch mit Oma, Opa und ihren älteren Geschwistern Platz nehmen. Die Jahre, die hier versammelt waren, hätten sicher eine vierstellige Zahl ergeben.

Während die unverheiratete Tochter des Hauses den Service kundig übernahm und die zahlreichen Kinder irgendwo Unsinn trieben, machte ich zwischen Vorspeisen-Salat und den Gemischten Braten den folgenschweren Fehler und fragte Großtante Hildegard: „Wie geht es dir eigentlich so?“kolumne_krank_foto

Es dauerte nur Bruchteile von Sekunden – und schon brach am Tisch ein medizinischer Diskurs lauter Experten los, die sich (nicht nur) Begriffe wie Bypass, großes Blutbild mit Was-weiß-ich-für-Werten, Hämorrhoiden und Schilddrüsenunterfunktion um die Ohren warfen.

Wissen Sie, was für mich (siehe eingangs genannten Hypochonder) das größte Problem dabei ist: Die Detailverliebtheit, wenn es um die Beschreibung diverser Krankheiten geht. Sie nimmt zweifellos im Alter zu, was gestern Abend der 93jährige Urgroßonkel bewies, als er ausführlich und kenntnisreich die Furunkeln und Abszesse in Körperregionen erörterte, die ich nicht einmal gegenüber meiner Frau zitiere.

Und ich? Meine Fantasie führte dazu, dass meine Beine taub wurden, während Onkel Erich von seiner Krampfadern-Operation berichtete. Das vehement diskutierte „Schlagerl“ (man merkt fast nichts mehr) von Großtante Babette brachte die Adern in meinem Kopf fast zum Platzen, die anschließende Stuhlgang-Diskussion verleideten mir den Braten samt Sauce. Ganz zu schweigen von den sieben überlebten Herzinfarkten am Tisch, die mich prompt in Panik stürzten: Ich spür´ es schon, der linke Arm tut weh….

Das wiederum beschäftigte mich die ganze Bayerische Creme hindurch, die als Nachspeise und zum eilig herbei geholten Blutdruckmessgerät gereicht wurde. Meine Werte wollte ich nicht wissen, obwohl sie den versammelten Experten Sorgen bereiteten.

Nach einer schlaflosen Nacht, in der ich die Haus-Apotheke leer geräumt und in vielen großen Dosen oral eingenommen habe, saß ich heute Morgen zitternd am Frühstückstisch und erwartete den Anruf des Notarztes, der sich vorsorglich bei mir meldet.

Das Telefon klingelte tatsächlich – am anderen Ende der Leitung verkündete der Goldene Bräutigam von gestern (genau, der mit dem „Schlagerl“, dem Herzinfarkt und vielem mehr), dass man sich zum Spontanurlaub in Madeira entschlossen habe.

Weil: „So jung und gesund bleiben wir nicht immer.“

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Kommentar

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