Es ist wieder einmal Zeit für Wahlen!

Auch wenn ich selbst gerne die Wahl habe, stelle ich mich persönlich ungern zur Wahl. Ich mag nicht andere Leute über mich und mein Gesicht entscheiden lassen – schon als junger Mann mied ich deshalb Diskotheken mit tumben Türstehern. Und dennoch kandidierte ich als Bürgermeister einer Kleinstadt, unterlag sehr, sehr deutlich und hatte sechs Jahre später nichts Besseres zu tun, als mich bei den Kommunalwahlen wieder auf einer Stadtratsliste zu zeigen.

Wer sich einer Wahl stellt und nicht mit Glanz & Gloria gewinnt, gar verliert, streichelt sein Ego in der Regel mit einer der folgenden Alternativen:

  • Er wertet das Ergebnis als Erfolg. Die Bandbreite der prozentualen Niederlage darf dann schon von satten 10 bis ganz unglücklichen 49 Prozent reichen, in jedem Fall müsse man stolz darauf sein.
  • Er unterstreicht, und zwar doppelt und dreifach, dass die vergangenen Wochen im Wahlkampf ein eindrucksvoller Beweis für eine immense Willensleistung und die unverbrüchliche Gemeinschaft waren und  dafür, dass der lodernde Funken noch lange nicht erloschen ist. Die Wahl war nicht das Ende, sondern der Anfang des Erfolgs … dumm nur, wenn sich diese Erklärung alle Wahljahre wiederholt.
  • Er weist jegliche Schuld für das schlechte Ergebnis von sich, selbst wenn er heroisch alle Verantwortung für die Niederlage übernimmt. Eigentlich wäre man als strahlender Sieger aus der Wahl hervorgegangen, aber leider hatten die Umstände & Rahmenbedingungen und überhaupt die böse Welt mit ihren bösen Wählerinnen und Wählern etwas dagegen.

(Ein persönlicher Einschub: Dass ich Wahlen verliere und selbst bei siegreichen Wahlen IMMER eine stattliche Anzahl von Gegenstimmen hinnehmen muss, rede ich mir schön, indem ich auf meinen ausgeprägten Charakter mit Ecken und Kanten hinweise. Das klingt gut – und tut mir gut.)

Die Zeit vor Wahlen bedeutet: Ausnahmezustand! Der Wahlkampf modelliert die Kandidatinnen und Kandidaten zu gleichförmigen Abziehbildern, deren Schizophrenie die kalkulierte Streitlust (gegenüber Gegenkandidaten) mit anbiedernder Unterwürfigkeit (gegenüber Wählern) vereint. Mag man den demokratischen Streit noch mit Anstand ausüben, so saugt das Betteln um das Wähler-Kreuzchen nicht selten jegliche Würde aus der schwindenden Selbstachtung.

Wahlplakat
Wahlplakat

Im Wahlkampf beschäftigt man sich mit sich selbst – und noch mehr mit den anderen: Wieviel Zeilen bekam der Gegenkandidat in der lokalen Zeitung (oh ja, da wird auf allen Seiten fleißig gezählt, wie jeder Redakteur leidvoll erfährt), war er gar häufiger mit Foto abgebildet? War sein Infostand vor dem Supermarkt besser besucht als der eigene? Warum ist sein Plakat auf der Stellwand prominenter angebracht? Es gibt so viele Gelegenheiten, über die man sich in den Wochen vor einer Wahl trefflich echauffieren kann, glücklicherweise findet man bei den Parteigängern genügend Menschen mit offenen Ohren und gleicher Meinung.

Unzählige Flyer in zuweilen gut versteckte und von Hunden scharf bewachte Briefkästen stecken. Plakate kleben (die Zusammensetzung und Festigkeit des Leims avanciert zur Geheimwissenschaft) und sie wieder nachkleben, weil sie abgerissen oder verunstaltet wurden. Darüber in den Sozialen Medien wüten und im Kreis der Gleichgesinnten Verschwörungstheorien formulieren – Wahlkämpfer vibrieren im hitzigen 24/7-Modus, der von den aktuellen Umfragen zusätzlich befeuert wird. Man will Bestätigung, nie enden wollende Lob(hudelei) und bedingungslose Gefolgschaft, was man nicht will, ist Zaudern, Kritik oder Besserwisserei.

Es ist deshalb nur allzu verständlich, dass man auf Infoständen und bei Wahlveranstaltungen Verwandte, Freunde und Familie um sich schart & die zuversichtliche Stimmung in der eigenen, wohlig-warmen Suppe, in der man gerade schwimmt, als Gradmesser für die Wahlaussichten nutzt. Lästig nur, dass sich auch immer ein bis drei stadtbekannte Dauernörgler einfinden: einer der Kandidaten, bevorzugt der Spitzenkandidat, muss sich opfern…

Die Dynamik des Wahlkampfes sieht vor, dass entgegengesetzt zu Endspurt-Schlachtgesängen langsam, aber sicher die bleierne Müdigkeit einsetzt. Es greift das „Piesel-Phänomen“, das die letzten Meter bis zum Wahlabend zur Tortur werden lässt…

… zumal sich die Erkenntnis grausam und brutal Platz verschafft, dass der gewählt wird, den man kennt. Und der nett aussieht, immer freundlich grüßt und von dem man sich ganz persönlich den größten Nutzen verspricht. Ich habe selbst miterlebt, dass ein ehemaliger Bürgermeister kurz vor der Wahl vom Festwagen eines Faschingszugs dauerlächelnd ins Volk grüßte – und am nächsten Tag harsche Vorwürfe erhielt, weil er just in dem Moment, als er an Frau X vorbeifuhr, auf die andere Seite hin,die Hand schwenkte.

Und so gehe ich heute, vor und nach den Wahlen, durch die Straßen und in Versammlungen UND versuche jeden zu grüßen – wohl wissend, dass die einen sich denken „Den kenne ich nicht, was ist denn das für ein komischer Kauz“ und die anderen grummeln „Der Krebs hält sich wohl für was Besseres, nicht mal grüßen kann er“.

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