Die Geometrie, die Statik und die Säulen einer Familie

Nein, ich schreibe nicht von Familienaufstellung, einfach aus dem Grund: Ich kenne mich hier nicht aus.

Ich schreibe viel lieber von der Bedeutung von Tischen in einer Familie. Zum Beispiel, ob der Küchen-, der Esszimmer- oder der Wohnzimmertisch der zentrale Treffpunkt ist.

Um den Tisch herum

Dass meine Gattin das „Wesen“, der zentrale Kern unserer Familie ist, manifestiert sich nicht zuletzt am Tisch, an dem wir sitzen. Abgesehen davon, dass sie ihn mit in die Ehe gebracht hat, kann man seine Bedeutung nicht hoch genug schätzen – ebenso wenig wie die des riesigen Sofas, das der Ruhepunkt unserer Familie ist. Es ist erstaunlich, wie beide intuitiv Familie „schaffen“ … im Gegensatz zum Garten, der bzw. dessen verschiedenen Bereiche immer nur einem Familienmitglied zuzuordnen sind. Terrasse, Rasen, der Walnussbaum und die Eichen sind bei uns fest in weiblicher Hand, um Rosenbeet, Johannisbeersträucher und Obstbäume kümmere ich mich. Natürlich, es kommt hin und wieder zu Grenzüberschreitungen, insbesondere wenn Wildwuchs das ästhetische Empfinden der Gattin stört.

Zurück zu Tisch und Sofa: Die Plätze sind innerhalb einer Familie markiert und werden nur ganz selten getauscht. Bei uns sitzen sich die beiden Söhne und die Eltern jeweils gegenüber. Das eine mag als Grund gehabt haben, dass Kinder gerne streiten, das andere liegt an der Abneigung meiner Gattin gegen die „Da sitzen wir wie im Kino“-Anordnung. Man wird uns auch im Restaurant nie nebeneinandersitzend erleben, wenn es zu verhindern ist.

Geometrie und Gestaltung von Haus bzw. Wohnung einer Familie folgt ungeschriebenen allgemeinen Gesetzen und individuellen Regeln, letztere von der Mutter verfasst. Genau: Mag bei Pärchen noch der Einrichtungskampf hin und her wogen, ist mit dem ersten Kind die Entscheidung gefallen. Eine Blick ins Vogelreich mag dem Vater helfen: Mama Vogel richtet das Nest nach ihren Wünschen und zum Besten des Nachwuchses ein – und Pinguine sind nur eine Art von sehr, sehr vielen.

Auf dem Sofa

Jede Familie ist anders. Weithin sichtbar beweist sich diese Behauptung an den Bildern an der Wand und am Sofa, das nach Belieben auch Couch, Diwan oder Kanapee genannt wird. Die Zeiten, dass dieses „gute Stück“ nur an Festtagen zum allgemeinen Gebrauch freigegeben wurde und den Rest des Jahres unter schützenden (Plastik-)Bezügen sein Dasein fristete, sind zwar längst vorbei, aber es gibt nicht wenige Familien, in denen das Sofa vor allem der Repräsentation dient. Natürlich aus bestem in Leder, am liebsten im strengen Rolf Benz-Design mit klaren Linien und geringer Gemütlichkeit: Hier sitzt man aufrecht, plaudert über bekannte Persönlichkeiten, die hier schon gesessen haben, oder man liest ein gutes Buch.

Ganz anders das Lümmel-Polsterteil, das ohne Kuschelkissen, Kuscheldecke, Kuschel-Jogginghose und Kuschelsocken kaum denkbar ist. Im Gegensatz zur Designer-Couch ist dieses Sofa häufig überdimensional, mit hautschonendem Stoff-Bezug – und in der Regel der Familie vorbehalten. Hier liegt man mehr als man sitzt, trifft sich zum abendlichen TV-Ritual und sorgt für die körperliche und emotionale Nähe, die so wichtig in kalten Zeiten ist. Ich bin mir sicher, dass Familien mit solch einem Sofa viel seltener zu einem Psychotherapeuten müssen als Menschen ohne.

Dir Ordnung der Speisekammer

Eine Wohnung muss den darin lebenden Menschen vertraut sein. Jeder sollte sich in der Nacht ohne Licht, mit geschlossenen Augen oder betrunken darin zurechtfinden. Deshalb erlaubt die Ordnung in Kühlschrank und Speisekammer weder Fantasie noch kreativen Spielraum; um Unbill, Verletzungen, Vergiftungen, unbändigem Hunger und Durst keine Chance zu lassen, muss jedes Lebensmittel an seinem Ort stehen. Dies führt u.a. dazu, dass die weiblichen Familienlinien in diesem Bereich ausgesprochen nachhaltig sind – und der Zucker in meiner Familie genau dort zu finden ist, wo er schon bei der Oma und der Uroma der Gattin stand. Im zweiten Regal von oben, rechts außen.

Wo die Erinnerungen lagern

Keller, Dachboden und Rumpelkammer sind das Gedächtnis einer Familie und nicht selten auch der Ort, an dem der Alkoholvorrat lagert. Ein Zusammenhang, der sich bei genauerer Betrachtung durchaus erschließt. Man trinkt schließlich nicht nur um zu vergessen, sondern auch um sich zu erinnern. Jedenfalls finden sich hier neben Devotionalien aus der Ahnengalerie auch all das, „was zu schade zum Wegwerfen ist“, oder „was man sicher einmal wieder gebrauchen kann“. Wem einmal langweilig ist, sollte sich daran machen, hier auszumisten und einen Karton öffnen, der in der Ecke verstaubt. Er wird nicht weit kommen, aber einen schönen Nachmittag bei schwelgenden Erinnerungen verbringen. Das gilt nebenbei auch für Bücherregale, die aussortiert werden sollen.

Eine moderne Absurdität stellt die väterliche Werkzeugecke dar – und hier konkreter: Die Schubladen bzw. der Kasten mit Schrauben, Nägeln und Dübeln. Von denen hat der Hausherr nämlich alle für eine sichere spätere Verwendung aufgehoben, um dann im Fall der Fälle wieder in den Baumarkt zu pilgern und neue zu kaufen. Der Einwand der Gattin, alles einfach wegzuwerfen, führt bestenfalls zu aggressiven Panikattacken.

Weibliches Terrain, männlicher Rückzugsort

Meist früher als später hat sich eine Familie mit Kindern im wahrsten Sinne des Wortes „eingerichtet“. Natürlich, im Laufe der Jahre gibt es die eine oder andere Veränderung, die Akzente neu setzt, aber nie die grundsätzliche Richtung verlässt. Nur so ist die Statik des Miteinanders fest und sicher, nur so sind die Krisen, die unvermeidlich kommen, auch zu meistern. Eine kühne, nichtsdestotrotz zutreffende Behauptung: Wer an der inneren Geometrie einer Familie fahrlässig herumspielt, riskiert Scheidung, Rosenkrieg und Erbschaftsstreitigkeiten. Deshalb gilt auch immerzu und immerdar:

Das elterliche Schlafzimmer ist weibliches Terrain. Punkt. Denn da steht der Kleiderschrank. Und nur Frauen können in der Nacht die Farbe der Bettwäsche erkennen. Küche, Ess- und Wohnzimmer, Bad, Flur, Waschkeller – „alles unser“, sagt die Gattin und meint doch „alles meins“. Das geht auch absolut in Ordnung (siehe oben), solange der selbstbewusste Mann seinen letzten Rückzugsort mit der Zeitung erfolgreich verteidigt: Das Klo! Einfach, weil er sich hier viel länger aufhält als die Gattin – und diesen Raum gar gemütlich findet. Frauen tun gut daran, dies nicht in Frage zu stellen bzw. gar nicht darüber nachzudenken.

Kampfgebiet: Die Hoffnung des Chaos

Während kluge Ehefrauen das Klo kampflos überlassen, verschleißen sie sich anderswo gerne im nie enden wollenden Stellungskrieg. Ich spreche vom Kinderzimmer, im Jargon der Mutter kurz „Saustall“ genannt. Gerade bei Söhnen findet sie hier nicht nur gut versteckte, schmutzige Wäsche, sondern auch Altglas in Mengen, biologisch kaum abbaubare Lebensmittelreste, Staub in Kilogramm-Mengen – und dazwischen die eine oder andere Haus- und Schulaufgabe aus längst vergangenen Zeiten.

Ich glaube ja, dass dieses tägliche Chaos, je nach Nachwuchszahl konzentriert auf ein bis vier Zimmer, erst die Balance herstellt, die Ordnung erträglich macht.

Epilog

Und irgendwann zieht dann der Sohn (alternativ Tochter) aus, triff eine Frau (wahlweise Mann), sie bekommen Kinder, bauen sich ein Nest …

… und die Geschichte beginnt von vorn.

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