Als die Familie noch gemeinsam Fernsehen schaute, Teil 1

Ich bin kein großer Freund der „Früher war alles viel besser“-Attitüde. Mit einer Ausnahme: Es waren bessere Zeiten, als es im Fernsehen nur drei Programme gab und die Fernbedienung noch nicht erfunden worden war. Genau: Ich bin Jahrgang 1964.

Während sich die Generation meiner Eltern noch an Tag und Nacht orientierte und daran, wie lange man draußen spielen konnte, gab meinem Leben bereits der Fernseher die Struktur.

Exkurs: In regelmäßigen Abständen geistert ein Text durch die Sozialen Medien, der die wilde, gefährliche Jugend samt zahlreichen Abenteuern und Verletzungen durch selbst geschnitzte Stöckchen glorifiziert. Ich gebe zu, dass ich dem Aufruf „Klicke ‚Gefällt mir‘, wenn du in den 60ern geboren bist, zweimal brav folgte …. bis der gleiche Text erst in der Variante „70ern“, dann „80ern“ und schließlich „90ern“ auftauchte – und in mir der leise Verdacht keimte, dass die hehren Erlebnisse gar nicht die meinen, sondern die meines Vaters sind.

Von Montag bis Freitag begann der Vorabend um 17:40 Uhr mit „Die Drehscheibe“, in der noch lange vor Mälzer, Hensler & Co der legendäre Max „Ich habe da schon etwas vorbereitet“ Inzinger für die Nation kochte. Dienstags folgte für die Kinder „Bugs Bunny“ und „Tom & Jerry“, während freitags im Vorabendprogramm die „Väter der Klamotte“ in schwarz-weiß ihr Unwesen trieben. Es waren heimelige TV-Zeiten, sehr brutal, aber ohne Blut.

Natürlich, auch 2021 lässt sich feststellen, es gibt TV-Überlebende. „Aktenzeichen XY… ungelöst“, „1, 2 oder 3“ oder „Weltspiegel“ zum Beispiel, aber ihnen fehlt heute der angestaubte Charme, der zum Verweilen statt zum hektischen Zappen einlädt. Damals schaute man noch Werbung, weil die Kinder nicht schnell genug zum Umschalten aufsprangen, und man lachte über die Mainzelmännchen.

Viel länger ist die Liste der Verblichenen: „Zum Blauen Bock“ schenkte Heinz Schenk den Äppelwoi in Bembel aus, musikalisch anspruchsvoll blieb man bei „Anneliese Rothenberger gibt sich die Ehre“ und „Erkennen Sie die Melodie?“. Während „Dalli Dalli“ mit dem hüpfenden Hans Rosenthal sich am Donnerstag mit dem Dreigestirn Wim, Wum & Wendelin und „Der große Preis“ abwechselte, war der Samstag den großen Fernsehshows vorbehalten. Nach der Badewanne und im frischen Schlafgewand traf sich die Familie bei „Musik ist Trumpf“, „Einer wird gewinnen“, „Am laufenden Band“ und etwas später „Wetten, dass?“ – die Geschehnisse in den Sendungen waren am nächsten Montag das Tagesgespräch der Bundesrepublik.

Doch Vorsicht! Den unverbesserlichen Nostalgikern möchte ich das Ergebnis einer aktuellen YouTube-Recherche samt Empfehlung nicht vorenthalten: Sollten Sie eine Sendung geliebt haben, tun Sie es bitte weiter UND schauen Sie sie nicht mehr an. Die damaligen Zeiten waren anders, Anspruch und Humor auch.

Natürlich gibt es für Bayern – wenig überraschend – ein paar Ausnahmen: „Münchner Geschichten“, „Irgendwie und Sowieso“ und „Monaco Franze“ sind und bleiben zeitlos.

Bild von Alexander Antropov auf Pixabay

 

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