Bin ich spirituell? Ich weiß es nicht, was wiederum bei näherer Betrachtung nur logisch ist. Denn laut Wikipedia ist Spiritualität „das subjektive Erleben einer sinnlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Wirklichkeit, die der materiellen Welt zugrunde liegt“. Mit Wissen hat das folglich nichts zu tun, …
… sondern mit Glauben, mit „Spüren“ also, ohne dafür einen der herkömmlichen Sinne oder gar den Verstand zu bemühen. Für meinen Glauben an Gott ist – nebenbei erwähnt – dieses Nicht-Wissen die erste Voraussetzung überhaupt, denn ich halte es hier mit Christian Morgenstern, der einmal meinte: „Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe begreifen könnte.“ Das leuchtet mir ein.
Ich glaube an Gott, warum auch immer. Und ich tue es auf die unschuldigste Art und Weise, ohne zu hinterfragen. Dafür bin ich dankbar, gibt es mir doch immer den nötigen Trost, in meiner Einsamkeit nicht allein zu sein. Und natürlich, ich kenne zur Genüge die Vorbehalte der Atheisten und Agnostiker (oh ja, da gibt es einen Unterschied), ebenso wie die vermeintlichen Argumente aus Genetik, Medizin, Biochemie, Soziologie etc., die so gerne ungefragt ihren Erklärungs-Senft dazugeben – und viele nachvollziehbare Logik-Gründe dafür finden, warum jemand eine Gotteserfahrung bzw. sie sich eingebildet hatte.
Nun, ich hatte bisher zwei in meinem Leben und bin auch ohne Erklärung ganz zufrieden damit.
Ich glaube, also bin ich. Sprituell. Einerseits. Andererseits hege ich ein ausgeprägtes Misstrauen gegen jegliche Art von Esoterik – und damit gegen jeden, der mit okkulten, para-, pseudo-, alternativ-religiösen, abergläubischen, alternativ-spirituellen und New-Age-Ideen um die Ecke kommt.
Bemerkung am Rande: Ein Dilemma meines Lebens ist der von mir empfundene tiefe Graben zwischen Idee und deren „Botschaftern“. Das eine mag ich schon mal interessant und spannend finden, aber die Personen dahinter mag ich meist nicht dazu nehmen. Und da mir die Menschen aktuell noch wichtiger sind, bin ich – um kurz auf das Feld der Politik abzuschweifen – eben kein „CSUler“ oder „Grüner“.
Jedenfalls geschah es einst, dass ich als junger Student in München zum allerersten Mal meine Großcousine Rosemarie traf. Ich war im zweiten Semester „Allgemeine Physik“ an der TU München eingeschrieben – und hatte erfahren, dass es mit Rosemarie eine freischaffende Journalistin in meiner Verwandtschaft gab. Vielleicht lag es daran, dass sie in den Erzählungen der Familie kaum vorkam, wir waren doch lieber Handwerker und Gastronomen.
Wir trafen uns vor dem Eingang zum Augustiner Biergarten. Rosemarie sah mich an und meinte nur lapidar: „Ah, doch noch ein Spiritueller in unserer Familie.“ Ich schaute verdutzt, dann ablehnend und bestritt vehement diese Vermutung, was die Großcousine nur mit einem Lächeln ignorierte. Sie erzählte mir lieber von den menschlichen Archetypen, die sie nicht von C. G. Jung ableitete, sondern vielmehr – im spirituellen Sinne – als übernatürliche Grundkategorien beschrieb, die uns auf dem Wege der Wiedergeburten ins endgültige Ziel (wie auch immer es aussehen mag) führen.
Also: Einmal „Künstler“, immer „Künstler“, und zwar in jedem Leben. Ich habe deshalb diesen Archetyp genommen, weil er Rosemarie und mir damals am logischsten für meine Persönlichkeit schien, zumal sich auch die Großcousine diesem Typ zuordnete.
Nun, ich bin kein „Künstler“ – das Seltsame daran, ich fühlte mich auch von Anfang an nicht wohl mit diesem Archetyp. Dass ich trotz Dominanz kein „König“ bin, wusste ich sofort, ebenso wenig passte der „Krieger“ auf mich, denn meinem zuweilen aufbrausendem „heiligen Zorn“ steht doch ein gehöriges Maß an Feigheit und Vorsicht gegenüber.
Der „Weise“ und der „Gelehrte“… ich gebe zu, beide Archetypen hätten mir für mich gut gefallen, vor allem wäre ich sehr gerne weise und auf meinen Intellekt habe ich mir zumindest früher etwas eingebildet. Nun, ich bin auch keiner von beiden.
Blieb nur noch der „Priester“ übrig, der auch unter dem Titel „Narr“ firmiert. Diese Identitätskombi scheint nur auf den ersten Blick seltsam, aber: Er ist derjenige, der gerne schon mal predigt und es angeblich besser weiß, er ist aber auch Berater und Sprachrohr des Königs – und er ist einer, der die Wahrheit gerne hinter der Fassade des Schalks zum Besten gibt. Das tut nämlich nicht ganz so weh, vor allem dem Narren.
Dass ich ein närrischer Prieser oder ein predigender Narr bin, verwundert spirituell veranlagte Menschen in meinem Bekannten- und Freundeskreis nicht. Ein Indiz, dass tatsächlich etwas dran ist, erschloss sich zudem bei genauerer, amouröser Eigenbetrachtung: Ich reagiere ausschließlich auf „Königinnen“ – und dass die beste Ehefrau eine solche ist, unterstrich sogar eine Urlaubsbekanntschaft in Ägypten, die Osteopathin und Hexe zugleich ist. Ich hätte eh keinen Zweifel daran gehabt.
Hexen, Kelten, Druiden, Mystiker und viele mehr. Es gibt eine Vielzahl von spirituellen Ausprägungen, die nicht sofort einer Sekte zugehörig sein müssen. Ich mag besonders die Indianer, weil sie besonders nah an der Natur dran sind – und weil sie sich regelmäßig zum Powwow treffen, um mit Gesängen die Erdachse (oder war es gar die Weltachse?) immer wieder auszurichten. So wurde es mir zumindest erzählt, und ich habe es nicht hinterfragt, weil mir die Geschichte gut gefällt.
Eine Gemeinsamkeit, die alle Spirituellen haben, ist der Gedanke der Wiedergeburt. Womit wir auch beim Alter der Seelen sind. Jene Osteopathin-Hexe aus Ägypten meinte dazu, dass ich noch viel zu neugierig wäre, um eine alte (und damit weise) Seele zu sein. Das finde ich etwas schade, zumal meine geliebte Ehefrau, die – wörtlich – „der Schmarrn“ überhaupt nicht interessiert, angeblich eine sehr alte Seele wäre. Auch mein renitenter, jüngerer Sohn, soll … jedenfalls spricht dann für mich doch einiges gegen solche Seelen-Wanderungen.
Etwas anderes macht mich dann wieder stutzig. Anders als in den 70er Jahren, als Esoterik tanzend und singend (und manchmal auch kahlgeschoren) die alternative Szene aller Länder überschwemmte, erkennt man heutzutage spirituelle Menschen, die sich dessen auch noch bewusst sind, nicht mehr so leicht. Ich tue es aber. Und zwar sehr sicher.
Einmal ja, einmal nein, dann doch wieder und auch wieder nicht. Bin ich spirituell? Ich weiß es nicht.
Was ich aber weiß: Hin und wieder macht es richtig Laune, darüber nachzudenken und mit Leuten zu diskutieren, die beim Thema nicht gleich abwiegeln. Damit ist es gut so … und ich muss nicht jede Frage beantworten.
