Über Videokonferenzen oder: Wer hat das Mikrofon noch an?

Zoom, Teams, WhatsApp, Messenger, WhatsApp, Skype, Discord und täglich werden es mehr. Wer mit verschiedenen Kunden zu tun hat, zudem ehrenamtlich engagiert ist und sich über Familie im fernen Ausland und einen aktiven Freundeskreis freut, der kennt sie früher oder später (fast) alle: Die Systeme und Online-Dienste für Instant Messaging, Chat, Sprachkonferenzen und Videokonferenzen.

Sie alle sind kontaktlose Ausgeburten der modernen Hölle, die sich hinter dem wohlklingenden Titel „digitales Zeitalter“ versteckt – und eigentlich nur bedeutet, dass sich die Menschen zwar sehen und sprechen, aber nicht mehr riechen und fühlen können.

„Wer hat eigentlich das Mikrofon an? Bitte alle ausmachen!“

Wenn der Arbeitgeber nicht das technische Equipment samt ausführlicher Einführung (zum Beispiel mithilfe eines Webinars, … aber da beißt sich die Katze wieder in den Schwanz…) zur Verfügung stellt, haben all jene Glück, die Eltern von halbwüchsigen Kindern sind. Das sind die Profis im Haus, die dank „digitaler Schule“ und analogen Lehrern schnell „Lösungskompetenz“ gelernt haben. Und ich meine jetzt nicht das plumpe (und oft so zutreffende): „Papa, hast du schon mal nachgeschaut, ob der Stecker in der Buchse ist?“

Mein Ältester installiert also für den Vater die gewünschten Systeme – und einiges mehr, von dem er der Meinung ist, dass ich es mal gebrauchen kann. Kann ich nicht, denn nicht selten finden sich jetzt auf dem Tablet oder Laptop nun auch etliche „Games“, die sich während einer wichtigen Video-Konferenz lautstark klingelnd oder wüst ballernd zum fälligen Update melden.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass die unterschiedlichen Systeme sowohl mit den allmächtigen „Geißeln der Moderne“, Google, Facebook und Amazon kommunizieren, sondern auch untereinander. Und manche mögen sich offensichtlich nicht, denn kaum habe ich via „Zoom“ mit Kunde A gesprochen, hakt „Teams“ beim anschließenden Online-Gespräch mit Kunde B. Und Skype, der Zugang zu meinem größten Kunden, hat sich – fürchte ich – endgültig von mir verabschiedet.

„Was raschelt denn da? Haben wirklich alle die Mikrofone aus? Bitteeee!!

Eine Videokonferenz ist vor allem Selbstinszenierung. Noch mehr als im persönlichen Kontakt, wo sich die Wirkung auf Mimik und Gestik, Kleidung und Kosmetik (die Reihenfolge ist individuell) beschränkt, sollten im digitalen Umfeld die besonderen Rahmenbedingungen beachtet werden. Eine ungeschickte Beleuchtung zum Beispiel lässt nicht nur Hautporen zu Kratern werden, verleiht dem Kopf einen unpassenden Heiligenschein oder lässt das bleiche Antlitz an einen Vampir erinnern.

De Entfernung zur Kamera (die Spanne der Fehler reicht von „Wo bist du denn?“ bis zu „Ich glaub, ich kann deinen Atem durch das Netz riechen.“) oder die Höhe des Bürostuhls, die das Kinn ansonsten imposanter Persönlichkeiten auf dem Schreibtisch liegen lässt – die Reihe der „Unvorteilhaftigkeiten“ lässt sich beliebig fortsetzen und beschränkt sich beileibe nicht auf „ungekämmt im Schlafanzug“.

Nebenbei: Der Inhalt ist hier wie da nebensächlich.

„Wer hat denn sein Mikrofon schon wieder an? Bitte ausmachen oder wenigstens den Fernseher im Hintergrund.“

Für Menschen, die es gerne intim haben und auf Privatsphäre achten, sind Videokonferenzen der Horror. Nicht so sehr wegen der eigenen Abschottung, sondern weil man zu viel sieht, was man eigentlich nicht sehen will. Hineingesogen in die familiäre Privatsphäre anderer begegnet man während härtester Verhandlungen plötzlich kleinen Kindern, die wissen wollen, was Papa gerade macht. Man sieht das Poster mit der nackten Frau im Hintergrund oder noch schlimmer, einen Bravo-Starschnitt der Bay City Rollers.

Ob als Zeuge zunehmender Verwahrlosung oder von gut positionierter, intellektueller Brillanz vor dem Eichenregal mit Klassikern der Weltliteratur, ob staunend angesichts der sportlichen Trophäen im Glasschrank rechts über dem Kopf oder neidisch über die wechselnden Hintergrundmotive vom jüngsten Traumurlaub – das Bild von der Kollegin oder dem Kollegen ist nicht mehr das gleiche, das man noch im Firmenbüro hatte. Ob es allerdings wahrer ist? Oder besser?

„So, endlich: Alle Mikrofone sind aus. Aber ich denke, es ist alles gesagt. Bis zum nächsten Mal!“

 

 

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