Im Verteiler des Unternehmens

Vorneweg: Es soll Firmen geben, in denen jeder genau die Nachricht erhält, die für ihn gedacht ist. Und keine mehr. Es soll auch Firmen geben mit einem souveränen Management, das tatsächlich meint, was es sagt. Es delegiert Aufgaben, lässt sich deshalb von E-Mail-Verteilern streichen – und beschwert sich im Nachhinein nicht darüber, dass es Nachrichten nicht erhalten hat.

Andererseits gibt es auch noch Märchen.

Jedenfalls gilt in den meisten Unternehmen: Je weiter unten in der Management-Hierarchie, desto wichtiger ist es, auf möglichst vielen E-Mail-Verteilern zu stehen. Nicht, weil man die Informationen wirklich benötigt oder sie etwa liest, sondern um sich über die Flut von E-Mails weithin und an allen zentralen Stellen deutlich vernehmbar zu beschweren.

Dieser verzweifelte Aufschrei der eigenen Bedeutung, dieses rasselnde Stöhnen der zweifellos vorhandenen Wichtigkeit, schließlich dieses Einzementieren der eigenen, weit überdurchschnittlichen Leistung – ich habe den Verdacht, manche Kolleginnen und Kollegen finden darin erst die Bestimmung ihrer beruflichen Existenz.

Nur wer gefragt ist, daran leidet und dennoch den Berg der Aufgaben bewältigt, ist wichtig. Und das sollte jeder in der Firma wissen.

Historischer Exkurs: Bereits in jenen Vor-Internet-Zeiten, in denen Fachzeitschriften statt diversen Newsletter dafür sorgten, dass die Mitarbeiter hinsichtlich Informationen „up to date“ blieben, gab es ein verwandtes Phänomen. Es wurde bestellt, was nur möglich war – die abonnierten Zeitschriften, selbst die nur für einen Kollegen bestimmten Exoten, wanderten in einem mysteriösen Verteiler-Schlüssel durch das Unternehmen. Selbstverständlich standen die eingangs genannten, „wichtigen“ Mitarbeiter auf JEDEM Verteiler und selbstverständlich stapelten sich genau auf deren Schreibtischen die Zeitschriften. Wochenlang ungelesen, während diejenigen darauf warteten, die damit etwas anfangen hätten können.

Ob früher die Fachzeitschriften oder heute E-Mails: In einem Verteiler zu stehen, ist wie die Lage des Parkplatzes, der Schlüssel für die Chef-Toilette und die hemmungslose Nutzung des „Bitte nicht stören“-Schildes an der Bürotür viel mehr Status-Symbol als sachlich begründet. Wo kämen wir denn hin, wenn das mittlere Management oder der geschätzte Kollege am Nebentisch einfach außen vor gelassen würden, sei es auch noch so begründet.

Andererseits treiben diese Untiefen des beruflichen Zusammenlebens die informationstechnische Entwicklung in Firmen voran. Seit geraumer Zeit schießen immer neue Projektmanagement- und Kommunikations-Tools aus den Entwicklungszentren hervor – und sorgen in den Unternehmen genau für die Verwirrung, die bestimmte Hierarchien erst trägt. Oder, wie man heutzutage gerne sagt: ALLES GUT.

 

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