Ich verlaufe mich oft und gerne

„Umwege erhöhen die Ortskenntnis“, gehört zu den Lebensweisheiten, die oft zitiert werden, aber keinen Ursprung haben. Außerdem heißt ein Roman von Markus Seidel so, der seit vielen Jahren ungelesen in meinem Bücherregal steht. Ich hatte ihn gekauft, weil mir der Titel gefällt, vielleicht interessiert mich auch irgendwann der auf der Rückseite beworbene Inhalt.

Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Dieser Satz könnte auch über meinem Leben stehen, zumindest was die Umwege betriff. Denn ich verlaufe mich gerne. Im Kleinen wie im Großen. Letzteres wartet noch auf das Fazit am Lebensabend (aktuell sieht es gar nicht so schlecht aus), bei erstem muss ich mich fast täglich mit meiner ausgeprägten Orientierungslosigkeit arrangieren.

Ich bin bereits froh, wenn ich morgens das Badezimmer finde – sobald ich allerdings das Haus verlasse, wird es spannend. Was auch daran liegt, dass ich mich früher zu dumm für Falk-Pläne (nebenbei gefragt: gibt es eigentlich einen lebenden Menschen, der diese Teile auch wieder zusammenfalten konnte?) anstellte und heute zu dumm für Navigationsgeräte am Smartphone bzw. im Auto anstelle.

Ich gebe allerdings zu: Ich bin ein recht trotziger Kerl, der sich standhaft weigert, Hilfsgeräte zu bedienen. Mein Argument … genau: Umwege erhöhen die Ortskenntnis.

„Ich kenne mich aus. Folgt mir bitte!“ Ich kann nur jeden warnen, wenn ich dies sage. Diejenigen, die mir jemals gefolgt sind, nahmen sehr, sehr lange Fußmärsche im Kauf, trabten mit mir durch den herben Charme von Reihenhaussiedlungen und Gewerbegebieten oder fanden sich – jenseits der Wege, weil ich von einer Abkürzung zu wissen glaubte – im Dickicht eines dunklen Waldes wieder.

Solange ich allein unterwegs bin, ist das weniger schlimm, denn vor konkreten Terminen kalkuliere ich mindestens eine Stunde Umweg ein und freue mich ansonsten über Entdeckungen, die ich mit gutem Orientierungssinn niemals gemacht hätte. Ich sammle Fundstücke und Kleinode wie stille Parks, kleine Kirchen, verspielte Häuserfassaden, versteckte Cafés und vor allem gemütliche Bankerl, auf die ich mich gerne setze und einfach schaue.

Da ich das alles nicht fotografiere und vergesse, wie ich dorthin gekommen bin, widerstehe ich den unsäglichen Social Media-Trends, aus sogenannten Geheimtipps innerhalb kürzester Zeit genau das Gegenteil zu machen. Abgesehen davon, dass Fotos auf Instagram, Facebook & Co täuschen können …. wer will schon zugeben, an einem langweiligen Ort gewesen zu sein.

Ich habe mich verlaufen in Rom (natürlich), in Venedig und Berlin, ich irrte durch die Straßen von Amsterdam, München und der neuen Baugebiete in Burglengenfeld. Im Europapark Rust finde ich ohne Hilfe weder „Arthur“ noch „Poseidon“, große Friedhöfe wie in Hamburg Ohlsdorf https://www.friedhof-hamburg.de/die-friedhoefe/ohlsdorf/ verlasse ich selten durch das Tor, durch das ich sie betreten habe.

Ich bin verloren überall dort, wo Wege sich krümmen und weder die Sonne am Himmel noch ein hoher Kirchturm oder eine weithin sichtbare Burg die nötige Hilfe geben können. Ich wäre schon längst ein Streuner, wenn nicht – bis jetzt – immer unvermutet das Ziel vor mir aufgetaucht wäre.

Deshalb: Bei mir erhöhen Umwege vielleicht nicht die Ortskenntnis. Sie haben mich aber Vertrauen und Staunen gelehrt. Und dass ich überall ein schönes Bankerl findet, wenn man sich nur lange und weit genug verläuft.

Bild von Arek Socha auf Pixabay

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