Um den Rahmen folgender Betrachtungen zu fixieren, möchte ich darauf hinweisen, dass sich mein Erfahrungsschatz vor allem auf die Münchner S-Bahn beschränkt und ich dabei die sehr heimeligen Fahrten mit einer Straßenbahn außen vorlasse.
Es geht also vor allem um die Stammstrecke zwischen Ostbahnhof und Pasing, wo von S1 bis S8 alle Linien verkehren. Nicht vergessen möchte ich zudem die S2 mit Haltestelle „Markt Schwaben“, wo ich die geliebte Gattin kennenlernte und die S1 bzw. S8, die mich einige Male zum Flughafen und wieder zurückbrachten. Ich habe also auch gute Erinnerungen an die S-Bahn, was manchen Leser dieser Zeilen aufgrund eigener Erfahrungen erstaunen wird…
… ebenso wie das Bekenntnis, dass der Geruch der S-Bahn (und auch der U-Bahn) für mich auch immer ein dickes, olfaktorisches Stück „sentimentales Heimkommen“ bedeutet. Mit der Nase erkenne ich die Münchner S-Bahn aus all ihren Pendants in anderen Großstädten heraus – sobald ich den Bahnsteig betrete, vermengen sich die buntesten Gefühle des Studenten mit denen des frisch Verliebten und des jungen Vaters. Mit der S-Bahn zu fahren ist heute immer auch ein gerne wahrgenommener Trip in meine Vergangenheit.
Ich vergesse dann auch schon mal, dass S-Bahnen vor allem auch immer Warten bedeuten. Und das kann sich im Vergleich zu U-Bahnen (die in München auch die schöneren Haltestellen haben) zuweilen sehr lange hinziehen. Wie oft saß ich spätabends genau 39 Minuten allein am Münchner Ostbahnhof in der Kälte, ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.
Solange die Haltestelle sich untertags befindet, kann man zur Ablenkung auf den flimmernden Infoscreen schauen. Allerdings: Immer, wenn es spannend wird, fährt eine S-Bahn ein und verdeckt die Information, bevor sie zu ihrem Höhepunkt kommt.
Ich mag S-Bahnen wegen den Errungenschaften der Technik, die ich auch im fortgeschrittenen Alter naiv bestaune. Neben den neuesten Zügen bzw. Waggons mit stylischem Interieur und unendlich scheinenden Sichtachsen im Innern sind es die überlangen, steilen Rolltreppen, die – von unten betrachtet – ins Licht führen. Das klingt herrlich metaphorisch, oben warten allerdings meist nur das Neon-Zwischengeschoß oder die grauen Außenfassaden der umliegenden Häuser.
Dennoch sind sie Meisterwerke menschlicher Ingenieurs-Kunst – und Höllenmaschinen für Menschen mit schlechtem Gleichgewichtssinn wie mich. Ich stolpere grundsätzlich gerne, am Anfang und am Ende von Rolltreppen aber besonders häufig. Und dass ich viele Jahre keine Gleitsichtbrille trug, lag an einem wackelig-wankenden Testlauf mit solch einem Exemplar auf einer Rolltreppe.
Ich mag S-Bahnen nicht wegen der Menschen, denen ich hier begegne. In einer seltsamen, subjektiven Verzerrung von Zeit und Raum trifft sich hier alles und scheint sich doch in verschiedenen Parallelwelten zu bewegen, die wenig miteinander zu tun haben. Die vielen Menschen, ich sehe nie ihre Gesichter – und das, obwohl ich nicht die japanische Kunst des „Wegschauens“ beherrsche.
Da sind die Tagespendler, die genau wissen, wo sie stehen müssen und deren Wege wie auf einer Schablone festgeschrieben sind. Da sind die nervige Handy-Tante, der rülpsender Penner, der Jugendliche, der provozierend-schmatzend an seinem Döner kaut, oder der nahe bleiche Nacken mit einem unappetitlichen Pickel. Selbst die Dirndl- und Trachteninvasion, die von den Lautsprecherdurchsagen mit einem lustig-kernigen „Geht´s Leit“ zum Oktoberfest geleitet wird – keine einzige Begegnung bleibt mir länger in Erinnerung als bis zur nächsten Rolltreppe.
S-Bahnen sind das Sinnbild der Anonymität im dichten Gedränge. Das ist schade, und das ist gut so.
