Campen oder die Melodie der Reisverschlüsse

Die menschliche Gemeinschaft und das kurze Dasein des Homo Sapiens ist eine Aneinanderreihung n verschiedenster Mikro-Kosmen und Sub-Kulturen, in denen sich mehr oder weniger Gleichgesinnte herumtreiben und ihre Bestimmung finden. Hobbyisten sind solche, Fußballfans, Mopedfahrer und Star Treck-Junkies auch.

Nun, ich bin Camper.

Nicht von Geburt an. Mehr oder weniger gezwungen und nach wie vor etwas fremdelnd, packe ich einmal im Jahr Frau, zwei Jungs und Zelt-Ausrüstung in den Anhänger und fahre wahlweise nach Italien oder Kroatien, um mich dort gemeinsam mit meiner Familie zwei Wochen lang den zweifelhaften Freuden eines Campingurlaubs hinzugeben.

Zuallererst: Ich bin Camper zweiter Klasse. Ich besitze nämlich weder Wohnmobil noch Wohnwagen, sondern ein Zelt. Zugegebenermaßen, ein sehr großes Zelt. Und ich habe nach schmerzhaften Fehlschlägen zu Beginn meiner Camper-Karriere nachgerüstet und investiert: In eine wirklich leistungsstarke und geräumige Kühlbox, in wirklich stabile Campingstühle und harte Zelt-Heringe, in wirklich dichte Plastikbehälter für Essen, in eine wirklich dicke Luftmatratze und in eine wirklich große Kaffeemaschine. Derart ausgerüstet ertrage ich stoisch unsere Campingurlaube

Es ist ein seltsames Idyll auf wenigen Quadratmetern, das mein Urlaubsrefugium bildet. Umgeben von Autos und Wohnmobilen, deren Fenster sich auf Armlänge zu meinem Klappstuhl befinden, wird bei Campern der Begriff „Nähe“ neu definiert -und das Weghören und Wegsehen zur Pflichtaufgabe! Es soll mir recht sein, denn es sind sehr diffizile und komplexe Rituale und Geheimnisse unter Bäumen, die hier zelebriert werden.

Wenn ich an Campen denke, denke ich an Reißverschlüsse und Klettverschlüsse. Die markanten Geräusche, die sie bei ihrer Betätigung (mit der Zeit unterscheidet das geübte Ohr das Auf- und Zumachen) erzeugen, bestimmen vor allem morgens und abends das akustische Camper-Befinden, wie überhaupt diese Art des Urlaubs vor allem eins ist: Laut. Plärrende Kinder und schreiende Eltern, das unentwegte Geschirrklappern und lärmende Menschen in der Nacht – wer Stille sucht, bekommt sie nur in der verordneten Mittagsruhe von 13 bis 15 Uhr. Übrigens einer meiner Anfängerfehler: Genau in dieser Zeit mit dem Auto zum Ausflug starten wollen, stieß weder beim Aufsichtspersonal noch bei den Mit-Campern auf Zustimmung.

Ebenfalls mit typischen Geräuschen verbunden: Als Camper entwickelt man eine besonders innige Beziehung zum Besen. Man kehrt unglaublich gerne und unglaublich häufig. Und es wird immerfort geputzt, was das Zeug hält. Da Urlaub „in der Natur“ per se schmutziger ist, erstrahlen insbesondere die Wohnwägen in makelloser Sauberkeit.

Seit zehn Jahren bin ich Camper, eine Schlacht ist aber in jedem Urlaub verloren: Während meine Frau mit Autan Protection Plus, Citronella-Kerzen, stinkenden Glühspiralen und dem vielsagenden Ganzkörperspray „Anti-Brumm“ unsere Abwehrsysteme gegen jegliches stechende Insekt hochfährt, fürchte ich, dass in den Baumkronen über uns Milliarden von Mücken sich lauthals lachend anstupsen und zurufen: „Seht mal, schon wieder dumme Menschlein, die glauben, dass das ganze Zeug hilft. Dabei sind wir schon seit zehn Jahren und 100.000 Generationen immun dagegen.“

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