Vorab eine Feststellung: Viele Menschen, die nicht in die Kirche gehen, begründen dies mit dem Satz „Ich kann auch sehr gut im Wald beim Spazieren beten.“ Nun, ich bin noch nie jemandem im Wald begegnet, der den Anschein erweckte zu beten.
Dabei bin ich seit früher Kindheit im Wald unterwegs, vornehmlich im „Raffa“ bei Burglengenfeld, der für mich eine besondere Heimat war, ist und wohl immer bleiben wird. Ohne Wald fände ich das Leben tatsächlich ziemlich arm und blöd.
Es begann mit den täglichen Spaziergängen, die meine Großeltern nach ihrer Rente und nach unser aller Umzug nach Burglengenfeld unternahmen. Weil meine Mutter einerseits auch mal ihre Ruhe haben wollte und andererseits der Meinung war, dass „frische Luft und Bewegung“ uns guttäten, mussten (ein „durften“ war es laut meiner Erinnerung eigentlich nie) meine Schwester Karin und ich im zarten Alter von sechs und sieben immer mit. Mein Opa hatte einen Gehstock dabei und auf dem Kopf einen Hut, den er souverän lupfte, wenn wir anderen Leuten begegneten.
Es war jeden Tag die gleiche Route. Sie führte vom kurzen Straßenstück über einen anderthalb Kilometer langen Feldweg schnurstracks ins Raffa, wo wir hinab bis zur Kreuzung der „Sieben Wege“ zogen, um von dort aus wieder hinauf auf einen (Franzosen-)Hügel zu spazieren, wo ein Bankerl stand. Das hatte aufgrund der wachsenden Bäume im Blickfeld keine Aussicht, es war aber der Treffpunkt von einigen älteren Damen und Herren, die sich hier weniger über die kleinen Dinge des Lebens und der Stadt, sondern vor allem über die Bundes- und Weltpolitik austauschten.
Mein Opa saß nie, meine Oma schon. Der eine redete, die andere schwieg.
Ein paar Jahre später entdeckten und eroberten wir und die Kinder der Nachbarschaft den Wald als unser Terrain. Und ja, es waren diese Zeiten ohne Handy, in denen Eltern nur meinten, man müsse daheim sein, wenn es dunkel wird, sich aber ansonsten keine Sorgen um uns machten. Das mussten sie in meinem Fall auch nicht, denn ich war zwar ein rechter Tollpatsch und nicht wagemutig genug, um auf hohe Bäume zu klettern oder von steilen Felsen zu springen – und mich dabei ernsthaft zu verletzen. Es blieb beim also beim „Drei Steckerl-Spiel“ mit den Nachbarskindern
Als Halbwüchsiger begann ich zu joggen, manchmal mit meinem damaligen Freund Peter, meistens aber auch allein. Weil mir damals bereits das Alleinsein, das eigene Tempo und die Ruhe wichtiger waren als das erzwungene Gemeinsame. Genau, schon damals schien meine Beziehung zum Wald immer auch ein gutes Stück weit „philosophisch“ zu sein bzw. bestimmten Charakterzügen, Einstellungen und Vorlieben zu entsprechen.
Und Schwächen. Ich verlaufe mich nämlich im Wald sehr gerne, weil mein Orientierungssinn quasi nicht vorhanden ist. Würde man mich im heimischen „Raffa“ aussetzen, ich würde nicht mehr nach Hause finden. Ich kommentiere das gerne mit einem „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“, alle anderen schütteln nur mitleidig den Kopf.
Ein weiteres Beispiel: Man wird mich im Wald niemals mit Kopfhörer antreffen. Und wenn mich jemand beim Spazieren (nicht beim Joggen, da habe ich nämlich genug damit zu tun, die Primärfunktionen meines Körpers aufrecht und im Takt der stampfenden Beine zu halten) beobachten würde, der sähe einen Kerl, der gerne mal stehen bleibt, schaut, hört, an Blüten riecht und mit einem hörbaren Atemzug ganz tief den Wald einsaugt. Ich weiß, dass mich dabei kein Mensch beobachtet, vermute aber, dass es etliche Tiere gibt, die sich über den Menschen und sein Gebaren wundern.
Der Wald birgt so viele Geheimnisse und Mysterien, insbesondere bei Spaziergängen frühmorgens oder in der Abenddämmerung bin ich meinem Glauben ganz nahe.
Und trotzdem: Ich pflege weder das Waldbaden, umarme nur gelegentlich mal einen Baum, noch sammle ich Grünzeug, das all meine Beschwerden heilen kann. Zur Dialektik meiner Persönlichkeit (mit der ich gerne in meinen Geschichten nerve) gehört eben auch die sehr pragmatische Sichtweise.
Was heißt: Ich kenne die allermeisten Pflanzenarten nicht und kann das unterschiedliche Gepfeife den einzelnen Vögeln nicht zuordnen. Außerdem ärgere ich mich gerne über Mücken, die stechen, über freilaufende Hunde, die ungefragt an mir hochspringen, und über Herrchen, die den Kot ihrer Lieblinge am Wegesrand liegen lassen.
Und ganz wichtig: Ich bin wahrlich kein Waldläufer, der auf Entdeckertour die Wege verlässt. Ich bin ja schon froh, wenn ich nicht über die Wurzeln der angestammten Pfade stolpere, zumal ich als Misanthrop die Tiere des Waldes verstehe, dass sie nicht gestört werden wollen. Schon gar nicht von Menschen. Mir genügt es, abends mal ein Reh auf der Schonung oder das Kaninchen hoppelnd meine Wege kreuzend zu sehen.
Jegliche Wald-Romantik wurde mir temporär während meiner Bundeswehrzeit ausgetrieben. Wer einmal aus Löwenzahn einen seltsamen Spinat und aus Fichtennadeln einen nach Badeschaum riechenden Tee nicht nur zubereiten, sondern auch „genießen“ musste, der weiß, wovon ich rede. Abgesehen davon, dass in Uniform die Wälder in der Nacht viel dunkler, viel kälter und meistens auch noch viel feuchter sind.
Völlig anders waren dagegen in den Jahren davor meine Gefühle beim händchenhaltenden Spazieren mit der ersten großen Liebe. Ich war glückselig, manchmal auch etwas sehr aufgeregt und zuweilen – zensiert –, aber selten mit einem Blick für den umgebenden Wald.
Der Wald hat mich immer begleitet. Ob auf dem Schweden-Rundweg im Urlaub, in dem wir trotz Fremdsprachenkenntnisse meiner Schwester (ein Insider) 20 Kilometer von der eigenen Hütte entfernt, wie durch ein Wunder von einem Taxi aufgelesen wurden, oder mit dem Bollerwagen voller Kinder bei den Geburtstagen meiner Söhne. Ob als Redakteur mit dem Förster auf der Pirsch oder als leidenschaftlicher Anhänger von Bankerl. Und natürlich während Corona, als der Wald bei vielen Leute unserer Stadt wohl schlimmere Schäden des Geistes verhinderten – stets fand und finde ich im Wald etwas, was mir neu und vertraut war und ist.
Und ja, im Wald finde ich vor allem auch mich.
