… weil er (oder sie), sofern gebohrt, gerissen, implantiert, überbrückt, wurzelbehandelt und andere schrecklichen Dinge mit einem angestellt werden, zwei archaische und deshalb besonders tiefwirkende Sinne anspricht, die im menschlichen Tageseinsatz bzw. in der bewussten Wahrnehmung ein Schattendasein führen: Den Geruchssinn und das Gehör.
Es ist der scharfe Geruch von Desinfektionsmitteln und abgeschabtem Zahnstein in Verbindung mit der akustischen Terror-Kaskade aus Kreischen, Brummen, Knacken, Sägen, die den abgenudelten Spruch endlich einmal Wirklichkeit werden lässt, dass das Ganze mehr ist als die Summe ihrer Teile.
Die Konfrontation mit ungewohnten Reizen verstört in dem Maße, wie die Nähe zum Bekannten ein Gefühl der Heimat nährt. Ohne Zweifel: Nase und Ohren sind die Gewohnheitstiere unter den Sinnesorganen. Sie mögen nichts Unbekanntes … und ich mag keinen Zahnarzt.
Seine perfide Wirkung entfaltet der Zahnarztbesuch in drei ergänzenden Beobachtungen, die als Regel auch ohne Ausnahme auskommen: Der Zahnarzt ist häufig sehr nett, die Zahnarzthelferrinnen ebenso häufig hübsch und proper (dabei stellt sich die Frage, warum eigentlich junge Mädchen in schlechten Zähnen herumwerkeln wollen?) und ganz wichtig:
Man wartet.
Man wartet nicht nur im Wartezimmer, sondern – weit schlimmer – noch einige Zeit ganz allein auf dem Behandlungsstuhl, die Folter-Gerätschaften allesamt im Blick. Das kann mürbe machen, insbesondere, wenn man summa summarum dreimal warten muss. Beim dritten Mal kriecht die betäubende Wirkung der Spritze (glücklich sind all jene, die der Zahnarzt zuvor nicht am Nerv getroffen hat, was angeblich gut sein soll) in das Zahnfleisch, das mögliche Schmerzen der Behandlung verhindert, aber auch den Patienten danach noch stundenlang wie einen Idioten aussehen lässt. Jede Medaille hat zwei Seiten, auch dieser Spruch gilt hier.
C eins ein, K zwei vier, X zwei sechs, K drei sieben und so weiter und so fort: Wenn der Zahnarzt seiner Zahnarzthelferin solche Kombinationen aus Buchstabe und zwei Zahlen zuruft, dann weiß man als Patient, dass er wohl den Zustand einzelner Zähne beschreibt, ansonsten aber weiß man: Nichts.
Wer dann den Fehler macht und – den Mundspiegel zwischen den Kiefern – nuschelnd nachfrägt, was das denn bedeute, erhält meist eine hinter dem Mundschutz kaum verständliche gemurmelte Antwort. Das ist unbefriedigend und macht, genau: Noch mehr Angst.
Epilog: Für eine gute Pointe fehlt diesem Text die ironische Sichtweise. Selbst wenn man lange wartet. Das macht es nur noch schlimmer.
Zwei Filme mit Zahnärzten, die für sich sprechen, sind, sind „Marathon Man“ mit Laurence Olivier, der als Zahnarzt mit Nazi-Vergangenheit Dustin Hoffman foltert sowie „Little Shop of Horrors“, in der Steve Martin den Song „Dentist“ zum Besten gibt.
Übersetzung des Liedtextes:
Als ich jünger war, ein richtiger kleiner Rabauke,
bemerkte meine Mutter lustige Dinge, die ich tat,
zum Beispiel Welpen mit einem Luftgewehr zu beschießen.
Ich vergiftete Guppys, und wenn ich damit fertig war,
suchte ich mir eine Katze und schlug ihr den Schädel ein.
Da sagte meine Mama (Was hat sie gesagt?),
Sie sagte: „Mein Junge, ich glaube, eines Tages
wirst du einen Weg finden, deine natürlichen Neigungen zu Geld zu machen.
Du wirst Zahnarzt. Du hast ein Talent dafür, Schmerzen zu verursachen.
Sohn, werde Zahnarzt. Die Leute werden dich dafür bezahlen, unmenschlich zu sein.
Dein Temperament ist nichts fürs Priesteramt,
und Lehrersein würde dir noch weniger liegen.
Sohn, werde Zahnarzt. Du wirst Erfolg haben.“
(Da ist er ja, Leute: der Anführer der Zahnbeläge! Seht ihn euch an, wie er das Gas einatmet! Oh mein Gott!
Er ist Zahnarzt und wird nie etwas taugen.
Wer will sich schon vom Marquis de Sade die Zähne machen lassen?
Oh, das tut weh! Ich bin nicht betäubt!)
Oh, halt die Klappe. Mund auf. Hier komme ich!
Ich bin euer Zahnarzt (Gott sei Dank!),
und ich genieße meinen Beruf. (Ich liebe ihn.)
Ich bin euer Zahnarzt (passend). Zahnspange),
Und ich genieße den Schmerz, den ich zufüge. (Ich liebe es wirklich.)
Ich bin total begeistert, wenn ich einen Prämolaren bohre.
Es ist toll, obwohl sie sagen, ich sei unangepasst.
Und obwohl es meinen Patienten Kummer bereitet,
Irgendwo, irgendwo im Himmel über mir
weiß ich, ich weiß, dass meine Mama stolz auf mich ist (Oh, Mama.)
Denn ich bin Zahnarzt und erfolgreich.
Sag ah! (Ah!)
Sag aah! (Ah!)
Sag aaah! (Ah!)
Jetzt spuck!
Und zu guter Letzt eine ARTE Übersicht „Der Zahnarzt im Film: Bissige Geschichten“.
Bild von Rafael Juárez auf Pixabay.
