Der kleine Zeh

Es gibt diese kleine, gemeine Geschichte, in der sich Gott bei der Erschaffung des Menschen einen Scherz erlaubte und ihm an beide Füße einen kleinen Zeh anfügte.

Jeder kleine Zeh hat vier große Brüder oder, wenn es sich um den Fuß eines Mädchens handelt, vier große Schwestern. Wir kümmern uns aber in dieser Geschichte nur um die männlichen Zehen – einfach, weil sie viel tollpatschiger sind. Außerdem jammern Frauen nicht so sehr wie Männer und sind überhaupt härter im Nehmen.

Jeder kleine Zeh also fristet an den meisten seiner Tage ein recht tristes Dasein, denn im Gegensatz zu seinem ältesten Bruder, dem großen Zeh, schenkt ihm niemand besondere Aufmerksamkeit. Er ist nicht wichtig, wenn es um die Größe der Socken und Schuhe geht, barfuß in Sandalen verschwindet er nicht selten unter dem kleinen Riemen, der das Schuhwerk zusammenhält. Löcher in den Strümpfen entstehen nie an der Stelle, wo er sich aufhält, sein Nagel ist häufig so klein, dass es sich kaum lohnt, ihn zu schneiden.

Im Gegensatz zum kleinen Finger, den man, wenn man will, gut sichtbar abspreizen kann, bleibt der kleine Zeh den ganzen Tag und die Nacht dazu bewegungslos. Selbst Pippi Langstrumpf konnte nur mit den großen Zehen wackeln, wahrscheinlich interessierte sie der „Kleine“ gar nicht.

Es ist deshalb kein Wunder, dass kein kleiner Zeh einen großen Zeh „riechen“ kann. Und zwar im übertragenen Sinne ebenso wie im ganz praktischen, denn an Stinkefüßen waren von insgesamt zehn Zehen wohl nur acht beteiligt.

Warum ich also trotzdem vom kleinen Zeh erzähle? Ich will ihm die Gerechtigkeit zukommen lassen, die er verdient. Er ist es nämlich, der seine Brüder beschützt, indem er im Dunkeln Möbel findet und sie vor Schlimmeren bewahrt. Wie ein Seismograph ortet er Ecken und Kanten, wie ein „Guard“ im American Football erfüllt er seine Aufgabe, dem Rest des Fußes den Schmerz vom Leibe zu halten.

Wie oft der kleine Zeh zum Einsatz kommt, hängt vom Menschen ab, zu dem er gehört. Ist dieser Geschichte ist es etwas unbeholfen mein Onkel Roland, denn er ist mindestens einmal im Monat gefragt, alle halbe Jahr bezahlt er sein Engagement mit einem Bruch. Der wiederum tut ziemlich weh, aber ein gebrochener kleiner Zeh nötigt dem Arzt bestenfalls ein schulterzuckende Schmunzeln ab und ein „Das heilt schon wieder von selbst.“

Was den kleinen Zeh nicht daran hindern wird, auch beim nächsten Mal wieder da zu sein, wenn er vonnöten ist. Unvermeidliches zu ertragen und vielleicht zu wissen, dass es wieder besser wird, bevor das Unglück wieder passiert – wir könnten uns vielleicht ein Beispiel an ihm nehmen.

Twitter
Visit Us

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Back to Top
Twitter
Visit Us