Nein, es geht nicht darum, ob mir eine Sache gefällt oder nicht (ja, auch das ist eine Frage des Geschmacks), es geht diesmal viel rudimentärer um meinen Geschmackssinn. Auch den spricht mir nämlich u.a. die geliebte Ehefrau gerne ab – garniert mit einem erschütterten „Das musst du doch schmecken!“.
Meine sensorischen Fähigkeiten im Gaumen und erweiterten Mundraum sind offensichtlich sehr eingeschränkt. Einerseits, andererseits leuchtet zuweilen – ohne zu wissen, wann und warum – plötzlich ein Sensorik-Lichtblick auf: Wenn sich zum Beispiel vergorene Milch ankündigt, aber von den allermeisten noch nicht wahrgenommen wird, oder wenn sich irgendwo eine klitzekleine Nuance Vanille versteckt, die mich beim Genuss von irgendwas bereits sehr früh glücklich stimmt.
Ansonsten aber: Fehlanzeige!
Seitdem ich denken kann, scheitere ich zum Beispiel am allgemeingültigen Konsens, dass Wasser unterschiedlich schmeckt. Tut es nämlich nicht, denn Wasser schmeckt nach nichts. Daran ändert auch nichts, dass das eine Wasser still, das andere sprudelig und das dritte schließlich „medium“ ist, was immer auch das bedeuten mag.
Ein anderes Beispiel: Nutella. Klar, es gibt wirklich miese Varianten an Nuss Nougat Creme (insbesondere die „Gesunden“), aber die Premiummarken schmecken mir … genau: alle gleich. Ich würde mich bei einer Blindverkostung sicher nur aus Zufall für die „richtige Nutella“ entscheiden, was übrigens auch für Cola und Spezi (das in meiner Jugend noch Gwasch hieß) gilt.
Hach, wie sehr habe ich mich in frühen Jahren darüber gefreut, wenn in eben solchen Blindverkostungen die sogenannten Spezi-Experten ihr Votum zielsicher für die falsche Marke abgaben – haben sie damit doch meine Meinung, dass man selten etwas gewiss weiß, bestätigt.
Ähnliches geschieht in regelmäßiger Wiederkehr heute noch, wenn es um die bevorzugte Biersorte geht. Zwar können die Kenner selbstverständlich zwischen Hellem, Weißbier, Pils und Dunklem unterscheiden – und weiß selbst der Laie, wenn ihm ein alkoholfreies Bier vorgesetzt wird, allen Marketingversprechungen zum Trotz, dass „es genau so gut schmecke“. Und ja, man kann wohl auch ganz gut unterscheiden, ob das Bier etwas vollmundiger oder etwas herber ist. ABER: Ob es sich bei dem Test-Bier jetzt um ein Tegernseer, ein Augustiner oder ein Naabecker handelt, ich bin noch keinem begegnet, der dies fehlerlos getroffen hat.
Vor einigen Jahren wäre ich sogar versucht gewesen, meine angebliche und gerade deshalb so vehement vertretene Beweiskette auch auf das besondere Terrain des Weins auszuweiten. Zum Glück habe ich es nicht getan, denn mein freiberuflicher PR-Job für die Mercure-Hotels brachte es im Zuge der „Grands Vins Mercure/Mercure Weinlese“ mit sich, dass ich jährlich bei der Blindverkostung dabei sein durfte … und das (erst heute bin ich mir dieses Privilegs bewusst) am Tisch der Deutschen Weinkönigin, des Deutschen Weinpapstes und diverser Mercure Goldmundschenke.
Und ich erlebte ein ums andere Mal, wie kundig hier über Wein geredet wurde. Und ich wurde Zeuge eines wunderbaren, weil missglückten Scherzes: Der am höchsten dekorierte Wein-Sommelier sollte „blind“ einen Wein erkennen, der im Gegensatz zur Ankündigung nicht aus Deutschland, sondern aus Italien stammte. Noch bevor er den ersten Schluck nahm, hatte er mit Auge und Nase das Trentino als Herkunftsregion identifiziert, am Ende nannte er Winzer, Wein und Jahrgang.
Der Applaus fiel – der Gästeschar entsprechend – gediegen aus, mir selbst bleib vor Staunen der Mund offenstehen.
Das und wie er kunstvoll über den Wein sprach, ließ mich sehr demütig werden und beschließen, dass Wein auf immer das einzige Thema sein werde, über das ich nicht schreiben werde.
Nach der Veranstaltung traf ich an der Bar den obersten der Gold-Mundschenke, Thomas Dröscher. Wir gönnten uns zum Abschluss noch ein Bier und einen Grappa, um die Säure im Magen etwas zu neutralisieren (was ich mir einredete, aber nicht zu fragen wagte). Thomas ist mir danach ein lieber Freund geworden, vielleicht auch wegen seines Ratschlags: „Wenn du mehr über Wein wissen willst, musst du ihn dir ersaufen.“
Nun, ich bin noch dabei….
(Auf dem Foto bin ich in Gesellschaft der wunderbaren Weinkönigin 2019, Carolin Klöckner.)
