Der Krebs auf dem Laufsteg

… es ist bezeichnend, dass mein geliebter Anzug im dezenten Pepita-Muster kürzlich von meinem erwachsenen Sohn als Faschings-Kostüm zweckentfremdet wurde …

Ein Thema, das mich seit jeher restlos überfordert, ist die MODE. Im Gegenzug hat sich in mir in den vergangenen Jahrzehnten die Gewissheit manifestiert: Egal, was ich mache und wie ich mich kleide, es ist in keinem Fall modisch. Vielleicht würde das auch gar nicht zu mir passen.

Jedenfalls gründen meine ästhetischen „Irrungen, Wirrungen und Verirrungen“ nicht in einem guten Willen, es ist wohl das fehlende Gespür für Trends, Schnitte, Schuhe und vor allem für Farben. Und ja, ich gebe es zu: Es ist auch der nicht tot zu kriegende Revoluzzer in mir, der sich immer wieder dabei ziert, mit der Meute zu laufen. Blaue Anzüge und dazu brauner Gürtel und braune Schuhe – auch wenn mir die moderne Dreieinigkeit der Mode gefallen täte, ich würde sie niemals tragen. Ebenso den Einheits-Haarschnitt, der aktuell bei Männern eher an ein Vogelnest auf dem Kopf erinnert.

Apropos Haare: Aufgrund ausgesprochen dürftiger Körperbehaarung brauche ich mir um Brustfell und Bart keine Gedanken zu machen – letzteres erspart mir den Weg zum Barber-Shop, wo mit Zirkel, Messer und jeder Menge Wachs tagtäglich der Beweis erbracht wird, dass nicht alle Männer gleich sind, aber doch gleich aussehen. Und ich weiß heute noch nicht, was ein Bascut ist…

Zurück zur Kleidung: War ich vor der Pubertät noch der Vorliebe meiner Mutter für kratzige Pullover und noch kratzigere Stoffhosen ausgesetzt, folge ich seitdem modisch meiner persönlichen Check-Liste „Gefällt mir nicht, gefällt mir, ist bequem, tut nicht weh, ist weit und sitzt locker und kaschiert den Bauch“. Farblich hatte ich zwischendurch manch bunten, geschmacklosen Ausreißer (gerne kombiniert mit extravaganten Mustern), heute habe ich mich weitgehend bei „Schwarz“ eingependelt, das ich mittlerweile als Lebenseinstellung an und vor mich hertrage.

Ein Mode-Problem am Rande. Ich bin latent farbenblind, so dass ich ein Grün gerne als ein Braun bzw. Beige erkenne und … ach, überhaupt ist vieles bei mir beige. Oder schwarz, wobei ich es nach wie vor für eine Mär halte, dass es unterschiedliche Schwarztöne gibt. Auch das ist ein Manko, wie die beste Ehefrau von allen gerne mit einem süffisant-verzweifelten Lächeln anmerkt.

Ich werfe Klamotten ungern weg. Ich „trage gerne auf“, wie meine Oma so schön sagte. Und solange nicht eine rapide, dauerhafte Gewichtszunahme eine Jeans der Größe 32/36 oder ein Hemd der Größe L von selbst ausmustert, bleiben die Teile in meinem Kleiderschrank. Und da ich in jungen Jahren ein Faible für sehr weite Oberbekleidung hatte, haben T-Shirts, Hemden, Pullover und Sakkos (ich liebe meine silbrigen Miami Vice-Teile mit Schulterpolster und violetten Innenfutter) überlebt.

Allerdings habe ich vor geraumer Zeit den stattlichen Fundus an Pullundern aussortiert, denn selbst ein Mode-Ignorant wie ich hat seine Geschmacks-Grenzen.

Was ich dann anziehe, folgt einem simplen Prinzip: Die gewaschene Wäsche kommt nach unten oder nach rechts (sofern Hängekleidung), ich nehme dann das heute Benötigte von oben und von links heraus. Oh ja, das führte in vergangenen Zeiten zu exotischen Kombinationen aus Farben, Materialien und Mustern – womit ich wieder bei meiner aktuellen Vorliebe für „Schwarz“ bin.

Die beste Ehefrau nennt das „altersgerecht“ und zu meinem Charakter passend. Da sie meine schärfste Kritikerin und eine gnadenlose Richterin ist, die seit Kurzem auch noch „Papa, bitte nicht“-Verstärkung von unseren beiden Jungs erhält, füge ich mich – und revoltiere nur noch gelegentlich mit nostalgischen, verblichenen T-Shirts von Motörhead- und AC/DC-Konzerten.

Ich bewundere Menschen, die es verstehen, in Kleidung gut auszusehen. Die mit gut gewählten Einzelstücken und passenden Accessoires ihren Typ souverän unterstreichen und dabei gekonnt die Schwächen ihrer Figur kaschieren. Bei denen Make-up (ja, auch bei Männern) und Haarschnitt eine Einheit mit der Persönlichkeit bilden.

Und ich liebe die Eleganz und Mode vergangener Zeiten und denke mir beim Anblick von manchem Top-Model der 80er und 90er immer noch „WOW“. Ich war zwar kein Fan von Clauda Schiffer, aber Linde Evangelista hätte ich sofort einen Heiratsantrag gemacht (Meine Frau lernte ich erst 2000 kennen). Eigentlich ist es wie mit der Literatur: Ich erkennen sehr wohl das Gute und Schöne, scheitere aber selbst in der Umsetzung desselben.

Was mich früher gestresst hat und heute beruhigt., ist die immer schnellere Vergänglichkeit von Trends. Was früher noch über Jahre Bestand hatte, später sich dann im jährlichen Turnus wechselte, dann von Saison zu Saison, ist heute innerhalb weniger Wochen in und schon wieder out und dann wieder in und wieder ….

Jedenfalls nährt es in mir die stille Hoffnung, dass ich schon bald in meinem geliebten Anzug im dezenten Pepita-Muster durch die Straßen flaniere und bewunderte Blicke auf mich ziehe.

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