Wenn ich in der Kirchbank sitze und nachdenke…

Es gibt einige Gründe, warum ich wieder häufiger in einer Kirche sitze. Raum und Zeit zum Nachdenken zu haben, ist einer davon.

Ich glaube an Gott – und ich weiß aus meinem „objektiven“ Physikstudium, dass es meist auf die Perspektive ankommt. Zum Glück verfügt der Mensch über die wunderbare Eigenart, völlig widersprüchliche Dinge zu glauben. Also, ich kann das sehr gut.

Es ist die Frage nach der Einsamkeit, die sehr schnell entscheidet, ob ich auf einen Seelenverwandten getroffen bin.

Ein Grund, warum ich zu christlichen Hochfesten gerne in die Kirche gehe und versuche weit vorne zu sitzen. Es sind dann immer viele Ministranten da und ich staune jedes Mal, mit welcher Präzision sie in der abgestimmten Dramaturgie der Liturgie ihre Formationen aufnehmen, auflösen, verschieben und wieder aufnehmen. Lautlos und dem kleinsten Wink des Pfarrers folgend.

Manchmal befinde ich mich plötzlich in einem Zustand der gelassenen Langeweile, in dem mich ein „es ist doch egal“ plötzlich freundlich werden lässt.

Spannende Logik*: Wer an den guten und liebenden Gott glaubt, hat seine liebe Not mit dem Bösen. Wer an das gleichberechtigte Gegenüber von Gut und Böse, von Weiß und Schwarz glaubt, hat keine Antwort auf das Problem der ORDNUNG: Welche Regeln gibt es, wer hat sie aufgestellt? Monotheisten können das Problem der Ordnung lösen, Dualisten das des Bösen. Ein Ausweg aus dem Dilemma wäre ein allmächtiger Gott, der …. böse ist.

Ein zärtliches Gefühl ist für mich die aktuell einzige Möglichkeit über andere Menschen zu schreiben.

Die Vorstellung der Inkarnation, der Wiedergeburt, ist eine sehr nützliche Vorstellung, sich etliche schwierige Fragen zu beantworten – und auch eine sehr einfache Möglichkeit, Fragen und Probleme UND eigene Fehler wie Schutt in eine andere Welt abzuladen.

Ich hatte es bereits vorher geahnt: Ohne funkelnde Steppjacke bzw. Thermo-Lightweight-Jacket gehört man im Frühling 2019 zu den Außenseitern. Bei einem Kirchenkonzert hatten in der Bank vor mir fünf von sieben Kirchgängern eine Steppjacke an, in der Bank davor sechs – die Aufzählung ließe sich ohne Unterbrechung bis zur ersten Reihe fortsetzen. Was auffällt: Selbst ich erkenne den Unterschied von KiK und Woolworth einerseits und angesagtem Designer andererseits. Und je älter die Trägerin bzw. der Träger, desto größer ist der Hang zur Farbe.

Ein Vorsatz: Langsamer werden um mehr zu ….

Menschen, die an eine einzige Wahrheit glauben bzw. von ihr überzeugt sind, agieren viel fanatischer als Menschen, die sich nicht sicher sind, was wahr ist, oder sogar an mehrere „Wahrheiten“ glauben. Das Gefährliche an den Hütern der Wahrheit ist ihr missionarischer Eifer, mit dem sie den anderen moralisches Fehlverhalten unterstellen. Und: Die Wahrheit heiligt die Mittel.

Mal ein schönes Zitat von Oskar Wilde: „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen.“

*konfrontiert von Yuval Noah Harari auf Seite 267ff. seines Buchs „Eine kurze Geschichte der Menschheit“

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