Keine Hilfe von Spider-laus

Für Clark Wilhelm Griswold jr. in tiefer Dankbarkeit.

Der Mensch als solcher ist intolerant. Das ist nicht neu, warum also nur eine Zeile darauf verschwenden? Ich sag es Ihnen: Die durch Intoleranz hervorgerufenen Grausamkeiten machen selbst in der friedlichen Adventszeit keine Pause.

Und das darf man nicht einfach so hinnehmen, abgesehen davon, dass es um mich geht und die Schändung der zarten Seele eines 2 Meter-Mannes, der trotz der Überschreitung der 50 das unschuldige, quietschbunte Herz eines Kindes hat.

Es war vorgestern und es begann damit, dass ein entfernt Bekannter mich zu einer abendlichen Besprechung bat. Als Treffpunkt bestimmte er den Marktplatz, mit seinem Auto würde er mich von dort abholen. Ich war angesichts dieser Umständlichkeit etwas erstaunt, denn ich hätte auch einfach zum avisierten Restaurant kommen können. Da ich aber nicht alles hinterfrage, sollte er seinen Willen haben.

Und der Wille des Mannes sah vor, dass sich jener in den Wochen vor Weihnachten als Stadtführer verdingt (übrigens ist es gar nicht so selten, dass viele, durchaus respektable und gemeinhin als seriös geltende Menschen einen besonderen Tick pflegen): Jeder, der in sein Auto steigt, wird eingeladen zur „Tour des schlechten Geschmacks“. So behauptet es jedenfalls der Bekannte, der sich auch noch für sehr kunstsinnig hält.

Vorgestern hat es mich erwischt. Die erste Station war ein schmuckes Anwesen mit schmucken Fenstern, die von Weihnachtssternen erleuchtet wurden. Vollstes Verständnis voraussetzend urteilte der Geschäftspartner: „Sehen Sie es, ist es nicht furchtbar?“

Drei Straßen weiter war es eine blinkende Lichterkette, die den Zorn des Geschäftspartners erregte: „Dieser unsägliche Kitsch, ich ertrage ihn nicht!“ Mein Schweigen deutete er als Zustimmung, wobei er mir drohte, das Schlimmste stünde uns noch bevor.

Es dauerte kaum fünf Minuten, als wir den „Hort der Abscheulichkeiten, den Dom des Schreckens, den Realität gewordenen schlechten Geschmack“ (O-Ton des Geschäftspartners) erreichten. Der kleine Vorgarten des schmucken Häuschens war sauber geputzt, über der Eingangstür glitzerte eine Perlen-Lichterkette.

Während sich vom Carport ein etwas demolierter Weihnachtsmann ungelenk abseilte, erstrahlte der überdimensionale Christbaum am Tor in allen Farben. Gezählte vierzehn Lichterketten wanden sich fröhlich blinkend um die Äste, auf der Spitze thronte ein Stern, gegen den selbst der Vollmond verblasste.

Daneben zwängte sich ein pulsierender Schneemann auf einem blinkenden Schlitten an den untersten Ästen Christbaums vorbei und lenkte den Blick auf das große Küchenfenster, in dem eine riesige Krippe stand. Deren Hauptfigur, ein Spiderman im Nikolausgewand, schnürte dem Kollegen die Kehle zu. Über „Spider-laus“, neben dem die Heilige Familie (Mickey, Minnie und Donald) einen sehr beschützten Eindruck machte, schwebten dicke Engelchen, die winzigen Flügelchen mit roten Lämpchen wirkungsvoll zur Geltung gebracht.

Der Bekannte röchelte auf dem Fahrersitz, die Übelkeit drohte ihn zu übermannen. An Besprechung war nicht mehr zu denken, ebenso wenig an einen Besuch im Restaurant. Mir war es nach dieser Fahrt nur Recht, weshalb ich wenig später im Parkhaus sein Auto verließ. Von dort ging ich nach Hause, denn ich wohne nicht weit (was der entfernt Bekannte nicht wusste und weiß).

Etwas später erreichte ich meine Heimstatt. Ich weinte. Und auch mein Freund „Spider-laus“ und die Engelchen konnten nicht helfen.

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