Ich bin doch nicht alt, oder?

Seitdem ich die 50 passiert habe, entdecke ich an mir zunehmend einen Charakterzug, der mich ziemlich nervt. Ich bin larmoyant geworden. Ein rechter Jammerlappen, der die Jüngeren mit einem „Früher war alles besser“ langweilt und – vergeblich nach Komplimenten fischend – meist ungehört mit seinem Alter kokettiert.  

Meine persönliche Situation erfährt indes eine eigene Dramatik, weil ich Vater eines Zehnjährigen und seines drei Jahre älteren Bruders bin. Und die beweisen mir jeden Tag aufs Neue, dass ich nach einem unterschwelligen Flehen à la „Ich bin doch für mein Alter noch gut in Schuss, oder?“ oder einem „Ich bin doch nicht alt, oder?“ lange auf eine positive Antwort warten kann. Im Gegenteil zeigen sie mir mit einem mitleidigen Kopfschütteln, dass meine Zeit vorbei ist.

Merlin, der Jüngere, hat seinem Großvater unsere TV-Fernbedienung abgenommen, als dieser bei einem längeren Pflegeaufenthalt in unserem Haus diese für sich beansprucht hatte. Seitdem hat er sie und gibt sie nicht mehr her. Was auch nicht weiter schlimm ist, da sein Vater, also ich, längst von der Technik und dem Labyrinth der Einstellungen heillos überfordert ist.

Meine Jungs sind nicht intelligenter als andere Kinder in diesem Alter, aber sie sind in jedem Fall cleverer als ich. Und sie können besser Autofahren. Zumindest bei „Mario Kart“ auf der Wii-Spielekonsole. Auf der Rennstrecke „Kuhmuh-Weide“ hätte ich vielleicht noch eine Chance, doch lieben es die Jungs, mich in „Warios Goldmine“ im Zehn-Sekunden-Rhythmus von der Strecke in den Abgrund stürzen zu sehen. Sollte ich vielleicht meinen Führerschein abgeben?

Während ich bestenfalls zwei Zeilen eines Liedes frei zitieren kann und dann sofort in den Lailailai- oder Nanana-Modus wechsle, singt Noah, der Ältere, fehlerfrei Strophe um Strophe von fast täglich mehr Liedern. Merlin interessiert das weniger, dafür zeigt er ein nahezu fehlerloses Gedächtnis, wenn er „Clash Royale“ oder „Minecraft“ spielt. Beide Jungs verbringen ungeheuer viel Zeit vor dem Smartphone, Tablet oder PC, das gab es früher nicht. Wir spielten noch im Wald …

… apropos Wald: Ich habe im Herbst vergangenen Jahres Noah zum Joggen gezwungen. Vom ersten Schritt an beklagte er sich lauthals über die Anstrengung, so dass ich mich entschloss, die gaaanz lange Strecke mit ihm zu laufen. Nach ungefähr Dreiviertel des Weges gab es eine lange Steigung, vor der ich generös zum motzenden Filius meinte, er könne langsamer machen und ich würde oben schon auf ihn warten. Mit einem „Ist schon klar, Papa“ zog er das Tempo an – und begrüßte mich oben am Hügel mit einem abschätzigen Grinsen. Ich muss nicht eigens erwähnen, dass er mir beim abschließenden Sprint auf 400 Meter fast 300 Meter voraus war.

Damit sie sich mehr bewegen, haben wir die Jungs zum Tennis geschickt. Unglaublich, wie schnell man diesen Sport lernen kann – und den Vater nicht nur mit unerreichbaren Schlägen düpiert, sondern auch von einer Ecke in die andere des Platzes laufen lässt. Auch bei ihrem zweiten Sport ergeht es mir nicht besser: Als Taekwondo-Kämpfer mit roten Gürteln interpretieren sie das frühere Balgen, bei dem ich stets die Oberhand behielt, völlig neu und greifen wie die Raptoren im Film „Jurassic Park I“ strategisch von zwei Seiten an. Das kann wehtun. Also mir richtig wehtun.

Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, muss ich allerdings auch erwähnen, dass zwei Halbwüchsige durchaus den Status eines 53jährigen steigern können. Ich habe aktiv „nice“ und „ever“ in mein Vokabular aufgenommen, außerdem ist mir der Name „Julian Bam“ nicht fremd, ebenso wenig, was es mit einem Bottle Flip oder einem Fidget Spinner auf sich hat. Und ich weiß, wie ein „Dap“ funktioniert (auch wenn er bei mir nicht sonderlich lässig aussieht).

Dieses Wissen kommt zwar nicht bei den Jungen an, lässt aber Gleichaltrige staunen. Und geradezu Hochachtung ernte ich, wenn ich davon erzähle, dass ich im Europa Park Rust mit der „Silver Star“, der „Blue Fire“ und dem „Wodan“ gefahren bin. Die Alterskollegen wissen ja nichts von meinen Panikattacken und Todesängsten und sahen mich nicht, wie ich kreidebleich und schmerzverzehrt am Haltebügel klammerte. Währenddessen warfen bei 130 Stundenkilometer im freien Fall die Jungs lachend die Arme in die Höhe.

Früher war tatsächlich eines viel besser: Ich war noch kein so großer Jammerlappen.

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