Gedanken und Erinnerungen im Mai

Wenn ich in der Hängematte liege und träume, reihen sich Gedanken und Erinnerungen aneinander, ohne dass ich Einfluss auf sie hätte. Ich finde das schön. Manchmal. Manchmal aber auch nicht, wenn ich mich z. B. ans Schulturnen erinnere.

Ich war ein dickes Kind. Und ich wuchs zu einer Zeit auf, in der Sportlehrer noch Sadisten sein durften. Nicht umsonst antworte ich deshalb spontan auf die Frage, was meine schlimmsten Kindheitserinnerungen wären, mit „Geräteturnen!“. Und noch heute klingen allein in diesem Ausruf die unvergessene Verzweiflung des krachenden Sprungs an den Kasten und der anhaltende Schmerz des Felgumschwungs mit. Es ist schlichtweg ein Wunder, dass ich noch Kinder zeugen konnte, wenn man weiß, wie zwei schmächtige Klassenkameraden mich um die Reckstange wuchten mussten. Immer und immer wieder – zur Belustigung des Sportlehrers.

Die Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie geben es vor: Das Leben ist zum Extrakt geworden.

Es hat damit begonnen, dass Männer plötzlich teure Marken-Duschprodukte mit Früchte-Geschmack gekauft haben ….

Entweder oder: Bei aller Differenzierungs-Wut mag ich manchmal Menschen in zwei Kategorien einzuteilen. Zum Beispiel in solche, die sich nach der Dusche vollkommen trocken rubbeln – und solche, die immer irgendwo nass bleiben. Man erkennt und unterscheidet sie u.a. an den feuchten Stellen an der Rückseite des Hemdes, Ableitungen auf den jeweiligen Charakter würde ich allerdings misstrauisch begegnen.

Nach wie vor gibt es einen Menschen-Typ, dem es immer gelingt mich zu provozieren: Jener, der in seinem Auto vor mir ganz langsam an eine Verkehrsampel heran rollt – und erst bei Gelb Gas gibt.

Kann man den aktuellen Zustand der menschlichen Gemeinschaft an den Laufwegen ihrer Protagonisten ablesen? Mir scheint jedenfalls, ich stoße auf Rolltreppen, vor U-Bahn-Türen und in Fußgängerzonen immer häufiger an andere Menschen.

Jeder, der behauptet, Gewalt sei keine Lösung, der hat nicht kapiert, dass man in einem Leben auch eingerosteten Schrauben und elektrischen Garagentoren begegnet.

Die demografische Entwicklung, die nicht nur den Anteil der Alten steigert, sondern „alt sein“ auch in jungen Köpfen salonfähig macht, hat zur Auswirkung, dass ein kostbares Gut wie „Zuhören“ ausstirbt. Wer ein Gespräch zweier Alter belauscht und merkt, dass jeder abwechselnd spricht, aber nie dem anderen zuhört, darf zumindest darüber beruhigt sein, dass keiner der Beteiligten offensichtlich ein Problem damit hat.

Ich mag Unschuld, die nicht naiv ist.

Ein Freund erzählte mir, dass seine Kinder keinen Ferienjob machen müssen. Dank seiner Unterstützung dürfen sie stattdessen diverse Praktika machen, die sie besser auf ihren späteren Beruf vorbereiten. In Erinnerung an meine Ferienjobs als Schlosserhelfer in großen Werken denke ich, ich habe dabei Wichtiges gelernt – zum Beispiel beim Organisieren eines Fahrzeugs für den Schicht-Trupp oder beim täglichen Brotzeitholen für zehn und mehr Leute. Nie mehr wieder in meinem Leben waren Organisationstalent, Stressfähigkeit und stoische Demut so gefordert wie an vorderster Stelle in der langen Schlange am kleinen Werkskiosk, wenn man begann: „Ich hätte zuallererst gerne drei Leberkäs-Semmeln, davon eine mit süßem Senf und Gurke, die zweite mit ….“ 

 

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