Eine Hommage an alle Großeltern

Eine Geschichte für meine Omas Gisela und Josefine, meine Opas Jaroslav und Emil, meine Großtante Gerda, meine Mama und meinen Vater, der plötzlich selbst Großvater war.

Zuallererst: Ich leiste Abbitte allen „Alten“, die mich in jungen Jahren gelangweilt haben mit Sprüchen wie „An den Kindern merkt man, dass man älter wird“ oder „Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit“. Sie hatten Recht.

In einem hellen Moment beobachtete ich mich, wie ich entspannt auf dem Sofa saß. Ich erschrak, als ich nicht mich sah, sondern meinen Vater. Die Jahre zwischen 15 und 25, als ich verzweifelt und nicht selten sehr wütend versucht hatte, ganz anders als mein Vater zu werden, schienen für die Katz`.

Es ist gut, wenn man als junger Mann zwei Frauen an seiner Seite hat, die Dich bedingungslos lieben. Bei mir waren es meine Oma Gisela und ihre Schwester, meine Großtante Gerda. Ihre Liebe zu mir ging so weit, dass sie meine Freundin „anspucken“ wollten, weil sie plötzlich meine Ex-Freundin war. Mein schützender Hinweis, dass ich die Beziehung beendet hatte, interessierte sie wenig.

Für Oma und Großtante war ich mit (zu) vielen Pickeln und 20 Kilogramm zu viel auf den Rippen ein „richtig hübscher Kerl“. Sie waren auch die einzigen, die jeden kleinsten Artikel und jede banale Kurznachricht, die ich in meiner Zeit als freier Mitarbeiter und später als Redakteur einer Zeitung verfasst hatte, fein säuberlich ausschnitten und in einem Ordner sammelten.

Viele Jahre, nachdem sie tot sind, rührt mich ihre Sorge, die mich als Kind und Jugendlicher vor allem genervt hat. „Pass auf, wenn Du (mit dem Fahrrad) auf die Straße fährst.“, „Fahr bitte vorsichtig!“, „Geh nicht mit nassen Haaren raus.“, „Trink nicht zu viel.“ und natürlich „Iss´ tüchtig, damit Du groß und stark wirst“ – heute weiß ich, dass sie mich nicht gängeln wollten, sondern ich ihnen einfach ungeheuer wichtig war. Der spätere Kampf gegen das Übergewicht begleitet mich heute noch.

Bei uns war die Rollenverteilung klassisch: Während meine Schwester der Liebling der Herren in der Familie war, stand ich unter dem Schutz und in der Fürsorge aller Damen.

Es gibt mehrere Dinge, die ich meine Großeltern und Eltern fragen möchte, wenn ich nur könnte:

  • Warum stand das „gute Geschirr“ immer im Glasschrank und wurde nie herausgeholt?
  • Was geschah eigentlich mit den unzähligen Geschenkschachteln mit Stoffservietten, Handtüchern und Seifen?
  • Warum hatten die zuweilen viel zu großzügigen Geschenke meines Vaters für seine Enkel nie die nötigen Batterien dabei?
  • Welche Leidenschaft trieb meine Mutter, Schmutzreste in meinem Gesicht mit ihrer Spucke abzuwischen und überfallartig Pickel grob auszudrücken?
  • Warum gab es als Geschenk von den Großtanten für mich als Kind immer eine Tafel billiger Schokolade, die ausnahmslos zartbitter war? Und warum versuchte mir meine Mutter stets einzureden, dass der Zusatz „zart“ bedeute, die Schokolade wäre süß. Das stimmte genau so wenig wie die Aussage, Leber schmecke wie Kalbfleisch, im Pichelsteiner wäre kein Kohlrabi drin und die Tomaten in der selbstgemachten Sauce würde man nicht schmecken. Bis zum Schluss bekam mich zudem meine Tante Gerda damit dran, dass „Kondrauer“ ein Limo wäre. War es nicht, es war Wasser.

Und woher kommt die Gesetzmäßigkeit: Je pudriger eine Großtante riecht, desto mehr will sie vom Kinde geküsst werden?

Es gab zwei Gelegenheiten, in denen mich meine Mutter immer wieder überforderte. In der einen machte sie mein sehr lässiges Aussehen (sie nannte es zerlumpt) und meine wilden Haare (für sie waren sie nur ungekämmt) zu ihrer eigenen Angelegenheit: „Was sollen die Leute nur von mir denken, wenn Du so herum läufst“ blieb eine Logik, die mir heute noch verschlossen ist.

In der anderen trat sie meist im Duo mit meinem Großvater auf. Wenn sie über andere Menschen redeten, spielten sie sich nur rudimentäre Bälle zu und wussten doch stets immer Bescheid. Wurde ich mit einem „Den kennst Du doch. So ein Kleiner mit braunen Haaren!“ in das Gespräch einbezogen, forcierte ich mit einem fortwährenden „Hä?“, begleitet von einem „Kenne ich nicht“ nur die Ungeduld und schon bald die Verärgerung meiner Gegenüber. Da half auch nicht als kleine Hilfe „Seine Mutter ist etwas älter als Deine Oma, so eine Grauhaarige aus der Vorstadt“.

Klosterfrau Melissengeist, eine Brotschneide-Maschine, der Aschenbecher aus Bleikristall, der gestickte Wandteppich mit röhrendem Hirschen, Trinkgläser, die allesamt in ihrem früheren Leben Senfgläser waren, Postkarten aus dem Urlaub, in dem nur die Sonne und das billige Essen erwähnt wurden, Apfelkorn in Wassergläsern, wahre Zwetschgenknödel-Orgien mit immer neuen Verzehrrekorden, und zum Geburtstag der Oma koffeinfreier Kaffee, der so stark gebrüht wurde, dass die bittere Plörre nur mit sehr, sehr viel Kondensmilch zu trinken war: Es sind schöne Erinnerungen, die ich an meine Großeltern und Eltern habe.

Eine letzte Frage aber bleibt an meine „kleine Oma“ Josefine und meine Tante Gerda: Wieviel Gramm sind bei der Zubereitung von Liwanzen „Da nimmst Du ein bisserl von dem und ein bisserl von dem – und dann siehst Du es schon“?

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