Abschied von der Myrte

Während ich auf der Terrasse sitze und im T-Shirt diese Zeilen schreibe – es ist genau 12 Uhr mittags -, beginnt unser pensionierter Nachbar pünktlich den Rasen seines Gartens zu mähen. Seine Frau ist in trauter Arbeitseintracht mit dem Schrubben der Gartenstühle beschäftigt, die (verpackt in fünf Schichten Zellophanfolie) den Winter im wohl temperierten Keller verbracht haben. Kennt jemand das Geräusch, wenn eine Stahlbürste über Aluminium schrammt?

Nach einem kalten Frühling, der diesen Namen nicht verdiente, scheint endlich die Sonne. Ich liebe es.

Eigentlich.

Nur: Es ist Pflanz- und Blühzeit.

Ich kenne viele Menschen mit einem grünen Daumen (unter anderen Frau Nachbarin) – doch an meinen Fingern klebt der Pflanzentod. Wohlmeinende Freunde behaupten, dass die Ursache meiner floralen Grausamkeiten an fehlendem Einfühlungsvermögen (das wiederum bestätigt meine Frau mit in für mein Empfinden unangebrachter Leidenschaft) liegen, aber das stimmt nicht: Immer wieder unternehme ich angestrengte Versuche, eine emotionale Beziehung zu dem Grünzeug aufzubauen, immer wieder scheitere ich kläglich.

Erst in diesem Winter ertranken ein Palmfarn, ein Kletter-Ficus und eine Banane unter meiner Fürsorge. Der Myrte genehmigte ich ein ausgedehntes Sonnenbad, was ihr ebenfalls nicht bekam. Und der Drachenbaum stand einfach im Weg. Nur schade, dass der teure Übertopf kaputt ging.

Auch der Tipp, mit den Pflanzen zu sprechen, erwies sich im vergangenen Herbst als Fehlschlag: Chers „Just like Jesse James“ zum Besten gebend, stutzte ich fachgerecht den Apfelbaum, danach bewegte sich die Ernte im Gramm-Bereich. Einen lieblichen Vers von Charles Bukowski flüsterte ich dem Buschwindröschen in den Blütenkelch – kurz darauf nahm es Abschied und kam nimmermehr. Tom Waits für den Hibiskus, Talking Heads für die Malve: Mein Musikgeschmack brachte den armen Pflanzen kein Gedeihen, sondern nur Mehltau, Blattrost, Ameisen und Nacktschnecken.

Gerade wollte ich mich meiner Bestimmung abseits jeder Gärtnerambitionen fügen, da flötete die Nachbarin (während der Gatte seine Terrasse, 1. Platte /1. Hälfte, mit Dampfstrahler traktierte) über den Zaun: „Versuchen Sie es doch mit dem wunderschönen Lied „Ein bisschen Frieden“ von Nicole. Oder mit Patrona Bavariae vom Original Naabtal Duo.“

(Verwunderte Anfragen, warum ich beide Lieder auf CD habe, werde ich übrigens nicht beantworten.)

Es war nur ein kurzer Versuch – und schon wuchsen und wucherten die Blumen um mich herum. Die Nacktschnecken sind hurtig geflüchtet, die Ameisen haben den Mehltau eingepackt und sich anschließend dazu.

Während ich auf der Terrasse sitze und im T-Shirt diese Zeilen schreibe – es ist genau 12:30 Uhr mittags -, mäht und schrubbt nebenan das pensionierte Nachbarehepaar. Dazu düdeln in der Endlosschleife abwechselnd „Frieden“ und „Patronia“ aus meinem CD-Spielgerät.

So sitz ich still und lausche Nicole. Wie meine Blumen, die Glücklichen.

Facebook
Facebook
Twitter
Visit Us
Google+
Google+
http://der-rote-krebs-blog.de/abschied-von-der-myrte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.